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Frankreich, magst ruhig sein - Olivier Bordaarre PDF Drucken
Geschrieben von Alain Bandry   
Dienstag, 14 Mai 2013

Olivier Bordaçarre

ImageFrankreich, magst ruhig sein (France tranquille)

Fayard Noir, 18.- €

 

Aus dem Französchen von Alexander Ruoff

 

In diesem Jahr war Olivier Bordaçarre zum Krimifestival in Drap eingeladen. Eine willkommene Gelegenheit, um an seinen Roman zu erinnern, der 2011 erschienen ist.

 Nogent-les Charteux, in der Beauce, irgendwo in der Pampa. Ein kleines beschauliches und trauriges Städtchen. Es ist der erste September, alles schläft tief und fest. Aber für wie lange noch?

 »Das Auge ausgespült mit der samstagabendlichen Fernsehunterhaltung und ihrem Fettanteil von achtundneunzig Prozent - die fehlenden wundersamen zwei Prozent an grauen Zellen wurden vom letzten Fragment der Menschheit geliefert, den eingeladenen ›Stars‹, Sängern, die ihre Zeit längst hinter sich hatten und den Flachbildschirm mit ihrer Dummheit und ihren Mannequin-Problemen zuschmierten, die Haut noch straffer gespannt als ein Luftballon, und es doch nicht schafften, irgendjemanden davon zu überzeugen, dass ihre Rückkehr auf die Bühne unmittelbar bevorstand. Der divenhafte Moderator hatte sich einmal mehr mit seinen Vorkriegswitzen desavouiert - Der Vichysmus der Kettenhunde ist nicht totzukriegen. Aber die elektronische Schlaftablette hatte ihre Wirkung getan und das Städtchen war hinter der dreifachen Isolierverglasung ins Koma gefallen.«

 Der Ton ist gesetzt!

Neben der Geschichte dieser Kleinstadt ist das Buch ein Porträt eines mäuschenstillen Frankreich kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

 

Der Wirtschaft geht es nicht gut in dieser Region. Die Geflügelverpackungsfabrik wird woandershin verlegt, in der aufgehübschten Innenstadt schließt ein Geschäft nach dem anderen. Außer den Wirten in den Bistrots macht keiner mehr Gewinn. Gleichermaßen Beichtväter und hasserfüllte Einpeitscher gegen die Verantwortlichen  der Krise verstehen sie es, den Konsum anzukurbeln und die Kehlen mit Feuer zu benetzen. Stammtischparolen und Bistrotphilosophie - keine gute Stimmung. Bis ein Krimineller beginnt mitzumischen. Ein erstes scheußliches Verbrechen. Dann ein zweites, nicht weniger schändlich.

 Die Aufregung ist groß. Niemand traut der lokalen Gendarmerie unter der Leitung von Commandant Paul Garand.

»Ein einzelgängerischer Bulle wider Willen, immer mit einem Bein in der Depression, ein Hitzkopf, aber zart besaitet, lief er den Ermittlungen eher hinterher, als dass er sie leitete.«

 Er ist 51 Jahre alt. Sein letzter Wunsch: ohne Schwierigkeiten in Pension gehen, seine Frau zurückerobern, die ihn für einen Schöneren und Reicheren verlassen hat, aber mit der er wöchentlich  einen Briefwechsel pflegt, vielleicht wieder Lebensfreude finden, und sie mit seinem Sohn teilen. Im Gegensatz zu den üblichen amerikanischen Alkoholikerbullen leidet er an Fresssucht. An einer enormen Fresssucht. Er stopft sich voll mit fettigem Zeug, dessen Kaloriengehalt nicht mehr zählbar ist. Eine Art langsamer Selbstmord mit Pizzaschnitten und überzuckerten Süßgetränken. Von seiner Behörde mehr schlecht als recht gelitten, von der Bevölkerung beargwöhnt, kann man nicht behaupten, dass er sich voller Enthusiasmus in diese Ermittlung stürzen würde. Umso mehr, als die Aufregung steigt. Die Finger zeigen auf die üblichen Verdächtigen: junge Farbige, Außenseiter, geistig Behinderte, Zigeuner, »diese an die Stadtgrenze verbannten, die sich immer für so was anbieten«.

 Die Fassade der Konventionen beginnt zu bröckeln. Die Angst nistet sich in die Köpfe ein. Ein schmutziger Instinkt, gehätschelt von populistischen Politikern. Und als die Angst explodiert, liegt die Stadt in Trümmern. Sie zeigt ihr wahres Gesicht, eines das von Fäulnis gezeichnet ist, einer Fäulnis, die sich auch auf den Bürgersteigen ausbreitet, nachdem die Müllmänner sich weigern, vor Tagesanbruch zu arbeiten aus Angst, umgebracht zu werden.

 Der Plot und die Spannung in dieser sehr schwarzen Geschichte sind fesselnd. Sie erinnert an den Néopolar der 68er-Jahre, an die erfolgreichen gesellschaftskritischen Krimis jener Zeit. Olivier Bordaçarre spielt mit dem Genre, überschreitet es, manipuliert es. Und das alles mit einem unaufhaltsamen und begeisterten Redefluss der an Céline erinnert. Die Erzählweise ist grandios: Vorgriffe, abrupte Perspektivwechsel, ungestüme innere Monologe, rasante Dialoge ... ein sehr großer Roman Noir.

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 14 Mai 2013 )
 
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