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Das Phnomen Camilleri PDF Drucken
Donnerstag, 27 Mrz 2008

Das Phänomen Camilleri

von Roberto Mistretta

 

Übersetzung: Katharina Schmidt

Während Andrea Camilleri weiterhin mit „Maruzza Musumeci“ die  Bestsellerlisten anführt, veröffentlichen wir hier noch einmal das Interview, das Roberto Mistretta mit dem großen sizilianischen Schriftsteller führte.Es ist im Januar 2006 in der Zeitung „La Sicilia“ erschienen. Roberto Mistretta lebt in Mussomeli, einer Kleinstadt in der Provinz Caltanissetta. Er hat Publizistik  studiert und schreibt heute für verschiedene Kulturzeitschriften. Außerdem hat er Kinderbücher, Erzählungen und Dialektkomödien veröffentlicht. In Italien ist gerade sein Kriminalroman „Il Canto dell’ upupa“ in einer überarbeiteten Fassung beim Verlag Cairo herausgekommen, und bei Todaro vor einiger Zeit der Noir  „Sordide note infernali“ (Teuflische Klänge).  In den deutschsprachigen Ländern sind seine Kriminalromane „Das falsche Spiel des Fischers“(Non crescere troppo, Ed. Terzo Milennio) und „Die dunkle Botschaft des Verführers“ (Il canto dell’upupa) in der Edition Lübbe erschienen.

Den Erfolg hat er erst spät kennen gelernt, da war  er schon über siebzig, aber dann wurde er davon überwältigt. Diese Begeisterungswelle  nahm überraschenderweise in Norditalien ihren Anfang und erreichte erst später Süditalien, bevor sie sich auf ganz Europa ausweitete und die Buchmärkte fernster Länder eroberte. Und nicht nur die Buchmärkte – auch die Fernsehserie nach den Montalbano-Romanen, mit dem hervorragenden Luca Zingaretti in der Hauptrolle im stimmungsvollen Barockstädtchen Val di Noto gedreht, wurde ein unglaublicher Erfolg.

Natürlich ist jedem klar, um wen es hier geht: Um Andrea Camilleri, Jahrgang 1925, den unumstrittenen Meister des italienischen Kriminalromans, dessen unwiderstehlicher Erfolg einen neuen Boom bewirkte. Und seinen Romanen, dieser gelungenen Mischung aus sizilianischem Dialekt, sympathischen Figuren und einer packenden Handlung.

1998 war Camilleris erfolgreichstes Jahr, als fünf, sechs oder sogar sieben Bücher dieses alten Herrn mit der rauen Stimme eines passionierten Rauchers auf den Bestsellerlisten standen, der längst im Pensionsalter war und heute abwechselnd in Rom und in seinem Geburtsort Porto Empedocle lebt. Doch sogar Camilleri stand am Anfang seiner Laufbahn vor verschlossenen Türen. Nur ein Druckkostenzuschussverlag interessierte sich für ihn. Am ersten April 1967, Camilleri war gerade mal zweiundvierzig, begann er seinen ersten Roman zu schreiben, den er seinem Vater widmete, der ihm – in seinen Worten - alles beigebracht hatte, was er ist. Das Manuskript trug den Titel „Il corso delle cose“ (Der Lauf der Dinge), der Protagonist, ein Maresciallo Corbo, ist eine Art Vorstufe zu Montalbano. Camilleri vollendete den Roman im Dezember des folgenden Jahres, wobei er ihn auf der Suche nach seinem persönlichen Stil fortwährend umschrieb. Nicolò Gallo, ein Freund und bedeutender Kritiker, versprach ihm nach der Lektüre, das Manuskript bei Mondadori vorzuschlagen, für die er beratend tätig war und eine Erzählreihe herausgab. Der Roman sollte 1971 veröffentlicht werden, aber dann starb Nicolò Gallo plötzlich, und es kam nicht dazu. Obwohl der Roman danach in einem Literaturwettbewerb lobend erwähnt wurde, lehnten ihn zahlreiche Verlage ab, die heute alles dafür tun würden, um einen Camilleri veröffentlichen zu dürfen. Dass man seinen ersten Roman nicht veröffentlichen wollte, hinderte Camilleri am Weiterschreiben. Schließlich gab es einen Hoffnungsschimmer: Die Editori Riuniti erklärten sich bereit, das Manuskript herauszubringen. Doch dann wechselte dort der Herausgeber, und im neuen Verlagsprofil war kein Platz für den Autor. Camilleri machte erstmal einen Haken hinters Schreiben. Das änderte sich erst 1975, als er für die Radiosendung „Le interviste impossibili“ (Interviews mit Persönlichkeiten aus vergangenen Jahrhunderten) zwei Beiträge verfasste, die dann bei Bompiani veröffentlicht wurden. Ein Freund Camilleris, Dante Troisi, schlug „Il corso delle cose“ als Filmstoff vor. Man lehnte wieder ab. Aber der Roman wurde für das Fernsehen adaptiert. Zeitungen berichteten darüber und der römische Verleger Lalli – eigentlich hatte er einen Druckkostenzuschussverlag – erklärte sich bereit, den Roman ohne Kostenbeitrag des Autors zu veröffentlichen, wenn im Nachspann der Fernsehfilme sein Verlag genannt würde. Das geschah. Der Dreiteiler nach Camilleris Roman erhielt den Titel „La mano sugli occhi“ (Die Hand vor Augen), wurde aber 1978, zehn Jahre nach seiner Endfassung, bei Lalli unter dem ursprünglichen Titel  veröffentlicht, der in Hinsicht auf seinen Erfolg zwanzig Jahre später geradezu prophetisch zu nennen ist. Natürlich blieb die Veröffentlichung des Romans völlig unbemerkt. Erst Jahre später vertraute Elvira Sellerio, deren gleichnamiger Verlag gerade in einer schweren Krise steckte, nach langer Überlegung schließlich auf Camilleri. Und veröffentlichte „Die Form des Wassers“, das erste Abenteuer von Commissario Salvo Montalbano aus Vigata. Der Rest ist Geschichte.

Signor Camilleri, gewisse Kritiker haben Sie früher als Enkel Carlo Emilio Gaddas etikettiert, heute sind Sie als der unumstrittene Meister eines neuen, ungeheuer erfolgreichen Genres anerkannt: Der sizilianische Kriminalroman, der stark von regionalen Zügen und dem Gebrauch des sizilianischen Dialekts geprägt ist. Was für ein Gefühl ist das?

 Es war schon beeindruckend, so genannt zu werden, obwohl ich Gaddas Erbschaft immer unter Vorbehalt angetreten habe. Damit will ich sagen, Gaddas literarischer Weg und seine Stilforschungen haben überhaupt nichts mit meiner Art zu schreiben gemein. Und es ist auch nicht richtig, wenn man mich als eine Art Begründer des Genres Regionalkrimi sieht. Vor mir haben zum Beispiel Scerbanenco und De Angelis ein Mailand beschrieben, das wir uns nicht in unseren kühnsten Träumen als Realität ausgemalt hätten, aber niemand hat sie je als Autoren von Mailandkrimis bezeichnet.

 Sie haben einen neuen Weg eröffnet, was halten Sie von den Autoren, die in Ihnen ihren Meister sehen und Ihrem Beispiel folgen?

 Ich glaube nicht, dass viele Schriftsteller meinem Beispiel folgen. Und wenn doch, würde ich ihnen empfehlen, sich nicht an mir zu orientieren, sondern an den Autoren, bei denen ich Kriminalromane schreiben gelernt habe, von Simenon bis Dürrenmatt.

 Was halten Sie von dem Krimiboom, der in Italien und besonders in Sizilien ausgebrochen ist?

 Dazu fällt mir sofort etwas ein, das Italo Calvino an Leonardo Sciascia geschrieben hat: es sei praktisch unmöglich, einen Krimistoff in Sizilien anzusiedeln. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Gerade der Kriminalroman bietet einem jungen Autor eine ausgezeichnete Chance, sich zu bewähren, denn es zwingt ihn, sich einigen Regeln unterzuordnen, die er ständig beachten muss.

 Welches Verhältnis haben Sie zu den anderen sizilianischen Autoren?

 Ein ausgezeichnetes Verhältnis, einige kenne ich persönlich, andere nicht, aber ich lese sie alle.

 Falls man Ihnen das Angebot machte, in Sizilien eine Schule für Krimiautoren zu leiten, würden Sie annehmen?

 
Nein. Viele Schriftsteller gründen Schreibschulen, und einige große Krimiautoren haben Bücher darüber verfasst, wie man einen Krimi schreibt, aber ich kann das nicht.

 Und wenn Ihnen eine sizilianische Universität vorschlüge, ein didaktisches Seminar über den Kriminalroman zu halten?

 Ich habe an der Universität von Bologna schon eine Vorlesung zu dem Thema gehalten. Dort ging es um die Geschichte des Kriminalromans und nicht darum, wie man einen schreibt. Das ist immer und jederzeit möglich.

Neben der Montalbano-Reihe schreiben Sie historische Romane. Können Sie uns schon verraten, was für neue Bücher es von Ihnen geben wird?

 Im Sommer erscheint ein neuer Roman mit Montalbano, „La luna di carta“ (Die dunkle Wahrheit des Mondes). Andere Werke sind zurzeit noch im Anfangsstadium, es ist also zu früh, um darüber zu sprechen.

 Haben Sie je daran gedacht, Ihren ersten Protagonisten Maresciallo Corbo aus „Il corso delle cose“ wieder hervorzuholen?

 Ich habe ihn schon einmal aus der Versenkung geholt, und zwar für den Kalender der Carabinieri im Jahr 2005. Dort heißt er zwar anders, Maresciallo Brancato, aber er hat die gleichen Eigenschaften.

 Welcher Ihrer Romane ist Ihnen der liebste?

 Zweifellos „Il re di Girgenti“ (König Zosimo).

 Sie lieben Sciascia und Pirandello. Welche anderen literarischen Bezugspunkte haben Sie noch?

Gogol, Sterne und Brancati.
Eine letzte Frage: Sie hatten Gelegenheit, die berühmte “mbriulata” aus Mussomeli zu probieren, eine mit fritiertem Speck, Schweinsohren, Würstchen und schwarzen Oliven gefüllte Foccaccia, und haben versprochen, auch Montalbano davon kosten zu lassen. Ganz ehrlich: Wie hat sie Ihnen geschmeckt?

 Bestens, ohne jede Einschränkung.

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 14 August 2008 )
 
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