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Geschrieben von Dr Stephen Wilkinson   
Dienstag, 20 Mai 2008

Paduras Havanna-Quartett: Lehrstücke für die postsowjetische Zeit

Aus dem Englischen: Alexander Ruoff

 

Bevor Leonardo Padura in den frühen Neunzigerjahren Krimis zu schreiben begann, wurde auf Kuba mittels dieses Genres versucht, den Massen das richtige Verhalten in einer sozialistischen Gesellschaft einzuimpfen. Kaum verwunderlich daher, dass die zahlreichen Romane, Kurzgeschichten, Hörspiele und Fernsehserien, deren Autoren versuchten, dieses didaktische Ziel in eine packende Geschichte zu fassen, recht unterschiedliche Qualitäten aufweisen – um es vorsichtig auszudrücken.

 

Der kubanische Krimi, der sich stark an der Literaturdes ehemaligen sozialistischen Blocks orientierte, wies einige Erfolge auf. Aber sie stachen vor allem deshalb  heraus, weil ihr Umfeld so mittelmäßig war. Allzu oft musste ein langweiliger Polizist »böse« CIA-Agenten in einem nach Muster X gestrickten Plot zur Strecke bringen. Spannend war das selten.

 

Als schließlich die Sowjetunion und mit ihr die Welt, die diese Erzählstruktur am Leben erhalten hatte, zusammenbrach, war der Weg frei für eine Wiederbelebung des Genres. Und da trat Padura mit seinen vier Romanen Les cuatro estaciones (Die vier Jahreszeiten) auf die Bühne. Sie spielen alle im Jahr 1989, als die Berliner Mauer fiel.  Mittlerweile sind sie in einer meisterhaften Übersetzung von Peter Bush auf Englisch erschienen. Herausgegeben werden sie von Bitter Lemon Press in London (die deutsche Übersetzung liegt im Unionsverlag vor: Ein perfektes Leben / Winter, Handel der Gefühle / Frühling, Labyrinth der Masken / Sommer, Das Meer der Illusionen / Herbst).

 

Wie Dashiell Hammett in den USA der Dreißigerjahre den affektierten Salonkrimi, der in den blühenden Zwanzigerjahren populär war, zum hardboiled Thriller weiterentwickelte, der besser in die Zeit der Gangster passte, gelang Padura ein ähnliche Weiterentwicklung des Genres in Kuba. Sein Inspektor Mario Conde ist kein Familienvater mit tadellos sozialistischem Lebenslauf, sondern ein geschiedener Alkoholiker mit einem Hang zum Zynismus der keine CIA-Agenten jagt, sondern sich mit korrupten Beamten und einheimischen Gaunern herumschlägt. Und das in einem Havanna, das man wiedererkennt: marode Gebäude, Straßenmädchen, Stromausfälle.

 

Padura ist ein Autor mit Bewussstsein – bevor er sich selber dem Schreiben zuwandte, war er Literaturkritiker und so sind seine Romane voller intertextueller Bezüge. Wie in den Werken von Manuel Vazquez Montalban und Umberto Eco, zwei seiner vielen Vorbilder, haben sie allegorische Qualitäten, die oft auf aktuelle Probleme der kubanischen Gesellschaft verweisen.

 

Ein typisches Beispiel dafür ist Labyrinth  der Masken, der dritte Band der Reihe. Dieser trügerisch komplexe Roman ist einerseits ein meisterhafter whodunnit über den Mord an einem Transvestiten in einem Park von Havanna, der sich mindestens so spannend liest wie ein Krimi von Ruth Rendell. Andererseits analysiert er den  kubanischen Umgang mit Homosexualität und greift Themen auf, die erstmals 1993 in dem Oscar-nominierten Film Erdbeer und Schokolade öffentlich gemacht wurden: die Verfolgung kubanischer Künstler und Schriftsteller in den ersten Revolutionsjahren aufgrund ihrer Homosexualität.

 

Zusätzlich, wie der Titel Masken schon andeutet, findet sich darin das immer wiederkehrende Thema der Scheinheiligkeit – in offiziellen Verlautbarungen wie im kubanischen Alltagsleben. Dieses Thema durchzieht die gesamte Mario Conde Serie. Wer die kubanische Gesellschaft kennt, dem ist dieses Thema vertraut. Wer allerdings einen stereotypen Blick auf die Insel hat, der wird überrascht sein.

 

Paduras Werk ist sowohl für blinde Unterstützer der kubanischen Revoltion wie für ihre ideologischen Gegner eine Herausforderung. Denn eins ist klar: Padura ist eine kritische interne Stimme. Manchmal erscheinen der Sarkasmus und das Verhalten seines Polizisten geradezu ketzerisch. Und doch bleibt Padura in Kuba und wird dort von Künstlern und der breiten Bevölkerung gleichermaßen als einer der größten Autoren des Landes gefeiert. Es ist eine große Errungenschaft, dass Padura auf der Insel bleibt und seine Romane dort erscheinen, denn das zeigt, dass der kubanische Sozialismus nicht so repressiv ist, wie seine Feine behaupten, während es gleichzeitig ein Hinweis darauf ist, dass es dort nicht so perfekt zugeht, wie einige seiner Freunde uns glauben machen wollen.

 

Paduras Havanna ist heterogen. Die große politischen Themen wie der  Kalte Krieg, die Blockade und die Konfrontation mit den USA werden nicht explizit erwähnt, aber sie dräuen hinter einer narrativen Bilderwelt, in der die typischen Mängel und Widersprüche der Neunzigerjahre immer präsent sind. So steckt  Paduras Realität voller Nuancen und ist nur schwer in eine ideologische Schublade zu stecken.

 

Padura ist ein lebendes Beispiel für die Reife des kubanischen Sozialismus, aus dem ein solch fähiger und gebildeter Autor hervorging (seine Einflüsse sind unglaublich weitreichend – von Shakespeare bis Salinger, von Cervantes bis Montalban, von Mozart bis Lennon). Es gelingt ihm, ein glaubwürdiges fiktionales Kuba zu erschaffen, das für Besucher und Kubaner gleichermaßen  erkennbar ist und der Zeit entspricht in der wir leben..

 

Einigen kubanischen Politikern wird sicher unwohl, wenn sie diese Romane lesen. Aber genau darin besteht die Aufgabe von Unterhaltungsliteratur, wie sie Gramsci gefordert hat. Wahre Kunst, so Gramsci, besteht darin, das Leben so darzustellen wie es heute ist, während es in der Politik immer um eine grandiose Zukunft geht, die irgendwann einmal Realität werden soll. Aus diesem Grund, so meinte er, sei liege der Politiker immer mit dem Künstler im Streit. Padura ist ein solcher Künstler. Er bewirkt, dass der Leser sich aufrichtet und nachdenkt. Der Krimi ist für ihn kein Medium der Propaganda, sondern der  Philosophie. Seine Romane können als Lehrstücke der  postsowjetischen/postmodernen Ära bezeichnet werden.

 

Stephen Wilkinson, International Institute for the Study of Cuba, Autor von Detective Fiction in Cuban Society and Culture (2006).

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 15 Juni 2008 )
 
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