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"Nachruf" auf Frdric H. Fajardie. PDF Drucken
Geschrieben von Jrme Leroy   
Dienstag, 10 Juni 2008

auf Frédéric H. Fajardie. „Ich hatte einen Freund ...“

Übersetzung : Elfriede Müller

 

 

Ich habe Lust, euch von Frédéric Fajardie zu erzählen. Von ihm zu sprechen heißt, damit zu rechnen, Tränen in die Augen zu bekommen, wenn man ihn gekannt hat.

Ich lernte Frédéric 1985 kennen. Ich war damals zwanzig Jahre alt und arbeitete für eine Literaturzeitschrift in Rouen. Ich schlug meinem Chef ein Interview mit Fajardie vor. „Der schreibt doch Krimis, oder?“ Er verzog das Gesicht. Damals war der Roman Noir noch marginal und der ernsthafte Intellektuelle weigerte sich, zwischen den SAS-Krimis und Manchette zu unterscheiden. Es gelang mir, den Snobismus meines Chefredakteurs zu besiegen, und ich besuchte Fajardie, der damals in einer kleinen Wohnung neben dem Rathaus wohnte. Er empfing mich auf Anhieb herzlich. Sein ältester Sohn spielte mit Autos und eine sanftmütige Bulldogge lag auf der Couch inmitten von Spielzeug.

Ich schloss das Aufnahmegerät an und bei einem Bier sprachen wir über seine Bücher, über die allgemeine Lage. Denn wenn Ihr euch erinnert, fühlten sich alle, die 1984/85 zwanzig Jahre alt und links waren, nicht sehr gut. Eigentlich, wie es Mitterrand 1981 verkündet hatte, hätte sich das Leben ändern müssen. Doch hatte man den Eindruck, dass es in der Welt härter zuging als jemals zuvor, dass die Liebe zum Geld, zum Geschäft den einzigen Wert darstellte. Die damaligen Idole hießen Bernard Tapie und Yves Montand. Sie trauten sich, in Fernsehsendungen zu sagen: „Es lebe die Krise!“, während sich die ersten „neuen Armen“ in den U-Bahn-Ausgängen drängten.

Auf diesen Widerspruch zwischen dem, was war, und dem, wie es hätte sein müssen, gaben mir nur Fajardies Romane eine Antwort. Das Unwohlsein seiner Helden, ihre Wut, ihre Traurigkeit, aber auch ihr Begehren, dem System eins auszuwischen, gehörten zu unserer Generation. Wir lasen erneut Tueurs de flics (Der maskierte Tod, 1979), La nuit des Chats bottés (Die Nacht der gestiefelten Kater, 1979) oder Le souffle court (Kurzer Atem, 1982), erschienen im Verlag Neo, wie man Wiedererkennungszeichen austauscht. Die Bücher hatten hyperrealistische schöne Einbände in Schwarz, erotisch und brutal von Jean-Claude Claeys, die mittlerweile in den Antiquariaten als Raritäten gehandelt werden.  

Fajardie lehrte uns auf 150 Seiten, auf denen einsame Kerle entschieden, alles in die Luft zu jagen, dass man links sein konnte UND verzweifelt über die Linke an der Macht. Dass nicht wir die Unverantwortlichen, die Romantiker, die Träumer sind, sondern sie, die Verräter, die das Land zwangen, sich zu „modernisieren“, was man heute Globalisierung nennt.

Über all das sprachen wir 1985. Ich habe die Kassette nicht mehr. Um ehrlich zu sein, es gab nie eine Kassette, weil ich vergessen hatte, den Recorder einzuschalten. Fajardie war nicht wütend, wie es heute jedes Starlett wäre, das durch intime Bekenntnisse in einer Reality-Show berühmt geworden ist. Fajardie gab sich damit zufrieden, zu lachen und mir La Marelle (Himmel und Hölle) zu widmen, meine Lieblingserzählung von ihm. Eine Erzählung, in der ein Polizeiinspektor sich an alle Schriftsteller erinnert, der er gemocht hatte, bevor er sich umbringt wegen eines Fehlers, den er sich nicht verzeiht. Die Widmung lautet: „Mit Genet und Gracq und gegen alle Idioten“.

Frédéric Fajardie starb am 1. Mai 2008.

Der 1. Mai ist der Tag der Auferstehung, der Tag der Arbeit und der vierzigste Jahrestag des Mai 68. Ironisch, poetisch, ganz Fajardie. Die, die daran glauben, und die, die nicht daran glauben, oder diejenigen, die an beides glauben, können getröstet sein. Fajardie nämlich war sowohl ein Anhänger von Marx als auch von Bernanos, dem Bernanos aus dem Spanischen Bürgerkrieg, der Die großen Friedhöfe unter dem Mond geschrieben hat, der nicht zögerte, mit seinem Umfeld zu brechen, der radikalen Rechten von Maurras, um sich den spanischen Republikanern anzuschließen gegen die Franquisten. Man kann an Gott glauben, ohne ertragen zu können, was in seinem Namen geschieht.

Frédéric war auf seine Art ein roter Anhänger von Bernanos. Er hat es bewiesen 1993, als ich ihn öfter traf, um ein Buch über ihn zu schreiben, als er Chronique d’une liquidation politique (Chronik eines politischen Ausverkaufs, 1993) veröffentlichte. Ein wütendes Buch, über die Wut eines Linken, eines Revolutionärs gegen das, was die Linke an der Macht geworden ist. Er sprach sehr früh über die unglaubliche Arroganz der regierenden Sozialisten, die Enthemmung gegenüber dem Geld, den erzwungenen Wechsel zur Ökonomie des Markts, gegen Tapie als Vorbild für die Jugendlichen aus  den Banlieues.

Dieses Buch kam ihn teuer zu stehen. Die blassrosa Medienvertreter mit ihren Dienstwagen beschlossen, den Frechdachs zu bestrafen. Frédéric, der ein gesuchter Drehbuchschreiber für Fernsehen und Film war, der den Bullen David Lansky – gespielt von Johnny Hallyday – erfunden hatte, war auf einen Schlag Opfer eines Berufsverbots. Ich war Zeuge dieses McCarthyismus der Sozialdemokraten, die versuchten ihn finanziell abzuwürgen. Denn es ist selten, dass Schriftsteller im kapitalistischen System von ihrer Arbeit leben können, obgleich Verleger, Drucker, Vertriebe und Buchhändler es schaffen. Deshalb haben viele Schriftsteller Zweitberufe. Frédéric war der Erste, der mich auf dieses Paradoxon aufmerksam machte, ein wahrer Lehrgang in marxistischer Mehrwerttheorie, in Gesellschaft einer Flasche Grappa, die ihm der Regisseur Robert Enrico spendiert hatte, der Einzige, der ihn zu dieser Zeit nicht hängen ließ.

Auch die „befreundete“ Presse ignorierte ihn bösartig, besonders Télérama, die pseudointellektuelle Wochenzeitung für Leute, die so tun, als würden sie kein Fernsehen schauen und die gleichwohl ihre meiste Zeit davor verbringen, oder Libération, damals noch die Zeitung von Serge July. Für July und andere Exmaoisten, die an den Sommerunis der Unternehmer teilnehmen, verkörperte Frédéric ihr schlechtes Gewissen.  68 war er ganz vorne als akrobatischer Grenadier der Gauche Prolétarienne, von Schlagstöcken geprügelt, als der Generalstab (u. a. July) hinter den Mauern der École normale supérieure in der Rue d’Ulm über die glorreiche Zukunft theoretisierte. Das amüsierte Fajardie. Und er rächte sich in seinen Erzählungen voller leicht erkennbarer Schlüsselfiguren (Tapie, July, Séguéla, Attali und andere ...) oder in seinen Kommentaren in L’Humanité.

Wenn ich daran denke, dass er diese Kommentare in seinem Büro verfasste, wo eine Büste von Mao steht, sage ich mir, dass die Geschichte, genau wie Frédéric, doch recht humorvoll sein kann.

Es gibt nicht viele Möglichkeiten für uns Atheisten und Agnostiker, für die verstorbenen Schriftsteller zu beten: Man muss sie wieder lesen, immer wieder lesen. Seit ich vom Tod Frédérics erfuhr, lese ich seine Bücher ohne Unterlass, und ich stelle fest, wie sehr mir seine Personen vertraut geworden sind. Personen, die nicht auf die schlechte Idee kommen zu sterben, höchstens auf dem Papier. Lest Fajardie oder lest ihn wieder, auch ihr. Seine Bücher sind ein wunderbares Gegengift gegen den Zeitgeist der Sarkojahre, die nach Verzweiflung und Wut riechen. Lest oder lest wieder La nuit des Chats bottés, wo zwei Freunde, ehemalige Militärs, spezialisiert auf Sprengsätze, aus Liebe zu einer Frau ihren Vater, einen alten Arbeiter, rächen, den die Arbeit zerstört hat. Sie beginnen mit der Verwüstung des Büros eines Notars, dann wird die Renault-Fabrik mit Granatwerfern angegriffen. Und schließlich jagen sie  Sacré-Cœur in die Luft.

Die Romane von Frédéric sind eine Einladung zur Auflehnung, eine Einladung, weniger zu arbeiten, um mehr zu verdienen oder gar nichts, denn die Gesellschaft, von der er träumte und die er in einer utopischen Erzählung beschreibt mit dem Titel La République des conseils (Die Räterepublik), kann sehr gut auf Geld verzichten. Sich nichts gefallen lassen, sich nicht mit der Prekarität abfinden, mit dem Elend, den Selbstmorden am Arbeitsplatz, den Fensterstürzen der Illegalen. Auf die anderen zu achten, auf die Schönheit der Dinge, auf einen Himmel im Frühling, eine Erinnerung aus der Kindheit.

Seine letzten Romane wie Les Foulards rouges (Die roten Halstücher, 2000) oder Le Conseil des Troubles (Der Unruhe stiftende Rat, 2002), sind Mantel-und–Degen-Romane, aber Frédéric blieb deswegen nicht weniger seinen linken Ideen treu. Vor vielen Jahren, als wir im Quartier Latin spazieren gingen, wo er bis zu seinem Tod lebte, summte er den berühmten Refrain von Dominique Grange aus der Hymne der Gauche Prolétarienne: „Wir sind die neuen Partisanen/Freischärler des Klassenkrieges/wir sind auf der Seite des Volkes/wir sind die neuen Partisanen.“

Wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird feststellen, dass selbst die Mantel-und-Degen-Romane von unserer Zeit erzählen. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Frédéric 2003, als er bereits ein „gut situierter“ Autor war, der Aufforderung der entlassenen Arbeiter von Metaleurop folgte, sie in der besetzten Fabrik zu besuchen, ihren Berichten zuhörte, wie sie beschrieben, dass sie Opfer der Weltwirtschaft wurden, diese Berichte in eigene Worte fasste, veröffentlichte und auf seine Autorenrechte verzichtete. Wie sein letzter Roman Tu ressembles à ma mort (Du ähnelst meinem Tod, 2007), der auf Initiative von Colères du Présents (Wut der Zeitgenossen) und der SNCF geschrieben wurde, um die siebzig Jahre dieses Unternehmens zu feiern, das die Konservativen immer noch gerne privatisieren würden, da es sich um ein ökonomisches Symbol handelt, das im Dienst der Bevölkerung steht.

Als Frédéric starb, war ich stolz, Kommunist zu sein: L’Humanité war die einzige Tageszeitung, die seinen Tod auf der ersten Seite meldete. Dagegen war ich sehr froh, Charlie Hebdo seit Jahren nicht mehr gelesen zu haben. Eine eklige eingeschobene Notiz erwähnte einen Tod, der angeblich auf Alkoholismus und Pech zurückging. Man sollte erwähnen, dass Val Mitte der Neunzigerjahre Frédéric rausgeschmissen hatte, der einen anderen literarischen Geschmack an den Tag legte, als die politisch korrekte Linie der Zeitung es verlangte. Eine Niedertracht. Aber das ist nicht schlimm. Val hat den Bombardierungen Jugoslawiens zugestimmt, sich am Referendum zur EU-Verfassung 2005 beteiligt und zeigt sich gerne bei der Sommeruniversität des Unternehmerverbands MEDEF.

Von da aus, wo er jetzt ist, im roten Paradies der echten Revolutionäre, zeigt Frédéric ihm den Stinkefinger und allen anderen, die sich mit der Marktwirtschaft gemein machen.

Es gilt, was Aragon sagte: „Der Tod kann die Augen der Partisanen nicht blenden.“

 

 

In deutscher Sprache ist von Frédéric H. Fajardie erschienen:

 

Rote Frauen werden immer schöner. Berlin 2003.

Der maskierte Tod. Hamburg 1989.

 

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 24 Juni 2008 )
 
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