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Dominique Manotti: 1968 PDF Drucken
Sonntag, 15 Juni 2008

Dominique Manotti: 1968

Übersetzung: Elfriede Müller

Im Mai 68 war ich 25 Jahre alt. Das Alter spielt eine Rolle. 25 Jahre alt zu sein bedeutete, dass ich mich bereits stark politisch engagiert hatte. Meine Politisierung fand nicht 1968 statt, sondern während des Algerienkriegs. Ich verfügte bereits über eine solide intellektuelle Bildung, den Marxismus, durch den ich mir die Welt erklärte, wie ich es immer noch tue. Und ich wusste bereits vor dem Mai 68, dass der Untergang des Realsozialismus unausweichlich war und dass dies den Lauf unserer Geschichte bestimmen würde. Ich hatte sogar das Gefühl, durch meine Kämpfe zu diesem Untergang beizutragen. 1968 erschien als eine unglaubliche Hoffnung. Ich glaubte, dass es möglich sei, eine andere Gesellschaft aufzubauen, nicht durch den angestrengten Aktivismus isolierter politischer Gruppen, sondern durch eine grundlegende Bewegung der gesamten Gesellschaft, eine Art gewaltige Woge. Und daran glaubte ich zehn Jahre lang bis zur Wahl von Mitterrand 1981. Dann galt es, Rechnungen zu begleichen und Hoffnungen auszuverkaufen.

Was bleibt mir von diesen hoffnungsvollen Jahren und dem politischen Kampf, wenn ich versuche eine rein persönliche Bilanz zu ziehen?

Viele wichtige Dinge. Zunächst lernte ich, Menschen zu treffen und ihnen zuzuhören, denn damals hatte jeder etwas zu sagen und versuchte sich Gehör zu verschaffen. Zuzuhören ohne Voreingenommenheit  und Gewissheiten. In der Lage zu sein, die Nuancen zu verstehen, das Bedauern, das Ungesagte. Das Schreiben, so, wie ich es verstehe, beginnt genau da, in dieser Disponibilität, in dieser Aufmerksamkeit, gründlich und mit Feingefühl. Und was genauso wichtig ist, ist die damals erlangte Sicherheit, dass jedes Individuum, egal welchen Platz es in der Gesellschaft einnimmt, eine eigene persönliche Geschichte hat, möglicherweise wie im Roman.

Ich begann erst viel später zu schreiben, zwischen 1993 und 1995, als ich begann, die starke Bitterkeit der Niederlage zu verdauen. Aber seit ich schreibe, hören die Männer und Frauen, die ich treffe, nicht auf, meine Vorstellungswelt zu beflügeln. Denn damals waren die Begegnungen leichter, weniger stereotyp, engagierter und fruchtbarer.

Eine ewig gestrige Nostalgie. Aber Ihr wolltet es so haben. Man ruft nicht ungestraft derartige Erinnerungen ins Gedächtnis.

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 29 August 2008 )
 
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