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crit par Elfriede Mller   
23-06-2008

Tannöd

Andrea Maria Schenkel

Nautilus Verlag 2006, 128 S., € 12,90

 

Tannöd zeitversetzt

Von Elfriede Müller

Andrea Maria Schenkel verlegt einen bis heute unaufgeklärten Mord an einer Bauernfamilie in der Oberpfalz aus dem Jahr 1922 in die Fünfzigerjahre. Krieg spielt in beiden Fällen eine zentrale Rolle, gleich im ersten Satz wird auf das Kriegsende aufmerksam gemacht, doch handelt es sich in der Realität um den Ersten Weltkrieg, in der Fiktion um den Zweiten. Warum ihr bäuerliches Sittenbild besser in die Fünfzigerjahre passen soll, ergibt sich nicht aus der Narration. Es liegt vielleicht daran, dass das bundesdeutsche Feuilleton und die Erinnerungskultur sich nach wie vor kaum mit dem Ersten Weltkrieg befassen, ohne den der Zweite aber nicht zu denken ist.

Der kurze und düstere Text gewann in Deutschland drei Krimipreise, tummelte sich auf den Bestsellerlisten und erntete fast in allen Rezensionen nur Lob, was sich auch in der Verkaufszahl von über 550.000 Exemplaren ausdrückt.  Nun ist Tannöd gerade in Frankreich erschienen, deshalb rezensiert Europolar den Text gleich zweimal: zum einen aus einer französischen, zum anderen aus einer deutschen Perspektive.

Schwarzhandel, Rassismus, Armut und Bigotterie machen das Leben auf dem Land zur Hölle. Verschiedene Icherzähler, die Ermordeten und der Mörder eingeschlossen, schildern die Ereignisse und ihre archaischen Lebensumstände. Der Detektiv fehlt, der Text setzt sich aus Zeugenberichten zusammen, einer trostloser als der andere. Die Personen sind vom Krieg geprägt, vom Anblick der vielen Toten, vom Grauen, vom Mitmachen: „Die schlechte Zeit hatte halt auch viele schlechte Leut.“ (S. 83)

Die Vermutung, dass der Mord etwas mit Rache derer zu tun hat, die auf dem Bauernhof zwangsarbeiten mussten oder dort hin geflüchtet waren nach dem Krieg, führt in die Irre:, „Der Dämon sitzt in jedem und jeder kann seinen Dämon jederzeit herauslassen“, sagt der Mörder, ein Nachbar, der verliebt war in die Tochter des Bauern, die Kinder mit ihrem Vater gezeugt und den Nachbarn nur benutzt hat. Als er das merkt, greift er zur Spitzhacke und schlachtet im Blutrausch die ganze Familie ab. Ein Mord also, dessen Motive in der Enge der dörflichen Gemeinschaft entstehen, wo statt sozialer Auseinandersetzungen Inzest, Kleingeistigkeit und Bigotterie herrschen. Das wirft die Frage auf, ob das Böse an sich existiert, außerhalb von Zeit und Raum, egal ob nach dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg.

Darin liegt die Schwäche dieses packenden kurzen Krimis. Es wird nicht klar, was der Krieg mit den Menschen gemacht hat und was der Mord an der Familie Danner damit zu tun hat. So erzählt, hätte er jederzeit stattfinden können. Hauptsache auf dem Land.

Dernire mise jour : ( 19-01-2010 )
 
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