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Montag, 23 Juni 2008

Mein Mai 68

 
Übersetzung: Elfriede Müller


Lasst uns über Mai 68 sprechen. Wie von einem Traum, von einem verrückten Spektakel.

Ich spreche weder von Barrikaden noch von Pflastersteinen. Noch von hitzigen Sitzungen oder nächtlichen Feten und der Rumvögelei. All das gab es für mich nicht. Mir waren diese Studis egal, diese Bürgersöhne und -töchterchen, die sich als Arbeiter verkleideten, um die Bullen (die echten Proletarier!) im Namen des Volkes oder was weiß ich zu verprügeln.

Genauso wenig hatte ich gemein mit all den Arbeitern, die die Gelegenheit wahrnahmen, um sich mal richtig auszuruhen. Kaputte Maschinen, die das Unmögliche forderten. Nur aus Lust zu nerven. Ohne zu wissen, dass sie in dem kurzen Augenblick einer Zeit ohne Arbeitslosigkeit lebten.

Mai 68 bedeutete Arbeit für mich. Eine Zeit, in der ich völlig frei arbeiten konnte, mit Lust und Effizienz. Während alle anderen sich an dem Spiel "Wir stoppen alles und fangen nie wieder an" beteiligten, schwitzte ich wie ein Blöder, legte Hunderte von Kilometern zurück, trug schwerere Pakete auf meinem Buckel, als ein Esel tragen kann. Die Achtzigstundenwoche mindestens. Ich fragte mich, ob ich nicht der einzige und letzte Arbeiter Frankreichs sei. Wenn ich mit einem Journalisten gesprochen hätte, hätte mir de Gaulle sicher einen Orden verliehen. In der Glotze hätten sie mich zur Schau gestellt als Modell gegen die Faulenzer, die Nichtstuer.

Doch wäre es mir schlecht ergangen, wenn mon général mich beim Anhängen des Ordens gefragt hätte: "Sagen Sie mal, mein Freund, was ist Ihr Geheimnis? Worin besteht diese Arbeit, die sie so lieben?" Schwierig zu beantworten: "Ich, mon général? Also, ich spiele mit dem Dolch, während die anderen sich in der Frühlingssonne räkeln."

Ja, für uns Mörder war Mai 68 die goldene Zeit. Ohne Bullen weit und breit. Alle damit beschäftigt, die zu verprügeln, die nicht arbeiteten. Ohne Risiko. Ohne Gefahr. Niemand, der denunzierte. Kein Benzin mehr, um einen zu verfolgen. Keine Nachbarn. Die gingen spazieren auf der Suche nach Abenteuern, wo doch das Abenteuer in ihrem Treppenhaus wartete, während sie abwesend waren. Oh diese Idioten!

Ich habe viel getötet im Mai 68 … Meine beste Jagdstrecke. Drei Witwen, ein Oberst, zwei Bankiers, ein Tabakwarenhändler, ein Weinhändler. Und eine Fußspezialistin. Bei der ich Skrupel bekam. Kann man eine Fußspezialistin erwürgen, ohne zu wissen, was sie eigentlich macht? Ich habe sie gefragt. "Fußspezialistin, was ist das?" Vielleicht ein bisschen zu spät. Ich glaube, ich zog zu fest. Zu dieser Zeit hatte ich meine Kraft nicht richtig unter Kontrolle.

Als ich die Wohnung der Dame verließ, sah ich in der Glotze eine große Demo. Für die Rückkehr von General de Gaulle. Ich mochte ihn gerne, meinen General. Also ging ich hin und sang mit den anderen die Marseillaise. Neben mir lief ein Minister. Er war weiß wie eine Wand. "Seit drei Wochen verstecke ich mich in meinem Keller", gestand er mir. "Zum ersten Mal stecke ich meine Nase wieder ins Freie. Ist es noch gefährlich? Was glauben Sie?" Ich versuchte ihn zu beruhigen, so gut ich konnte. "Wenn Sie jemand angreifen sollte, wird er mich kennenlernen!" Er war beeindruckt. Lachen Sie nicht, ich war ein echtes Muskelpaket. Schließlich gingen wir einen heben. Er wollte unbedingt. Mir war es ein wenig peinlich. Denn einige Gegenstände der Fußspezialistin befanden sich noch in der Tasche meines Regenmantels, und ich wollte nicht, dass sie herausfielen. Kurz, nach und nach wurden wir die besten Kumpels. Ich wurde in sein Kabinett berufen, stellte mich zur Wahl, wurde zu seinem Stellvertreter gewählt, so sehr fürchtete er, dass seine politischen Freunde ihn ersetzen wollten. Ich wartete zwei Jahre bis zu seinem Selbstmord. Um ihn zu ersetzen. Es dauerte noch ein wenig, bis ich Minister wurde. Jetzt kann ich in aller Ruhe stehlen und töten. Aber wissen Sie was? Ich würde alle Goldreserven der Republik hergeben, um die Freiheit meiner Maitage 1968 wiederzuerlangen. Ich muss jetzt gehen, habe eine Rede zu halten. Ich glaube, es handelt sich um die Eröffnung eines Gefängnisses.

Alain Berenboom www.berenboom.com 

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 29 August 2008 )
 
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