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Articles / essais
Dienstag, 24 Juni 2008

Der Kriminalroman als Geschichtsschreibung

Diskussion mit Christian v. Ditfurth, Ulrich Ritzel und Wolfgang Schorlau
Am 31. März 2008 hatte das Archiv Soziale Bewegungen in Freiburg (Breisgau) zu einer Veranstaltung der besonderen Art geladen: Moderiert von Elfriede Müller sollten drei bekannte deutsche Krimiautoren darüber diskutieren, wie sich das Schreiben von Kriminalliteratur zur Geschichtsschreibung — und präziser: zur politischen Geschichtsschreibung verhält. Christian v. Ditfurth, Wolfgang Schorlau und Ulrich Ritzel sind alle drei Autoren, in deren Romanen die jüngere und nicht mehr ganz so junge deutsche Geschichte eine wesentliche Rolle spielt.

Um nur zwei Beispiele zu nennen: Alle drei haben sich in ihren Romanen mit dem Nationalsozialismus und dessen Fortwirken in der bundesrepublikanischen Geschichte befaßt, ebenso wie dem anderen Trauma der deutschen Nachkriegsgeschichte, dem sogenannten ,,bewaffneten Kampf“ linker Gruppen.

Zudem waren alle drei in unterschiedlichen linken Parteien engagiert (wobei sie das ,,waren“ betonten): v. Ditfurth in der DKP (Deutsche Kommunistische Partei), Schorlau im KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands) und Ritzel in der SPD. Die erste Frage der Moderatorin lag deshalb auf der Hand, die Frage danach, wie die Autoren durch 1968 geprägt wurden und inwieweit ihr Schreiben selbst dem Impetus der 68er Bewegung, verdrängte Historie wieder ins Bewußtsein zu rufen, entsprang. Die Antworten konnten nicht unterschiedlicher ausfallen.

Ulrich Ritzel hob hervor, dass seine politische Sozialisation nichts mit 1968 zu tun hatte, sondern bereits 1958 begann, mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozeß, wo erstmals von einem deutschen Gericht die Mörder mehrerer Tausend jüdischer Männer, Frauen und Kinder zur Rechenschaft gezogen wurden. Und wie Ritzel betonte: Erschreckend war nicht nur die Erkenntnis, dass der nette Polizeibeamte vom örtlichen Revier möglicherweise ein Massenmörder war, sondern vor allem die Gleichgültigkeit, mit der andere dieses Wissen beiseite schoben. 1968, so Ritzel, war ihm längst klar, dass es für eine grundlegende Veränderung in Deutschland keine Massenbasis gab.

Anders stellte sich dies bei dem rund zehn Jahre jüngeren Wolfgang Schorlau dar. 1969 geriet er als Lehrling in den Sog der Studentenbewegung und hatte das Glück, dadurch eine historische und politische Bildung zu erwerben, die ihm als Volksschulabgänger sonst verwehrt geblieben wäre. Für ihn, so Schorlau, war die 68er Bewegung zweifellos eine Befreiung.

Der wiederum zwei Jahre jüngere Christian v. Ditfurth schließlich empfand etwas ganz anderes als befreiend: 1968 im AUSS (Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler) engagiert, verschlug es ihn während seines Studiums in den Marxistischen Studentenbund Spartakus und damit in die DKP; das Befreiendste an dieser politischen Geschichte war seiner eigenen Aussage zufolge der Austritt aus der DKP im Jahre 1983.

Doch selbst Wolfgang Schorlau, der 1968 als wichtigen biographischen Wendepunkt ansieht, wollte sich von der Moderatorin nicht darauf festlegen lassen, dass sein Schreiben an den Impuls von 1968, verdrängte Geschichte wieder ans Tageslicht zu holen, anknüpft. Er sei kein Geschichtsschreiber, sondern Geschichtenerzähler. Ritzel wies sogar ganz grundsätzlich einen aufklärerischen Impetus von sich: Er habe als Autor seinen Lesern nicht mit der Zumutung zu begegnen, sie aufklären zu wollen. Vielmehr sei er als Autor der Stimmigkeit seiner Figuren verpflichtet, nicht mehr und nicht weniger. Allein v. Ditfurth machte das partielle Zugeständnis, dass er zumindest in einigen seiner Romane eine Gegenposition zur offiziellen Geschichtsschreibung einnehme und dies auch durch eigene historische Forschung unterfüttere. Allerdings gehe das nicht auf ’68 zurück, sondern auf persönlichen Zorn, etwa auf die ,,kleine Arisierung“, die in Der Mann ohne Makel thematisiert wird oder die kritiklose Würdigung der Hitler-Attentäter des 20. Juli, der er in seinem Roman Der 21. Juli etwas entgegenzusetzen versucht.

Deutlich wurde in der Diskussion, dass sich die schriftstellerische Herangehensweise der Autoren auf dem Podium ziemlich unterscheidet. Ausgangspunkt für einen Roman sind bei Schorlau und v. Ditfurth geschichtliche, beziehungsweise zeitgeschichtliche Themen; eine Zeitungsnotiz über Lynchmorde an alliierten Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs etwa gab den Anstoß zu Schorlaus Das dunkle Schweigen. Die Themenwahl führt zur Recherche und die Recherche dann irgendwann zu einer Geschichte, die schließlich die Romanhandlung bildet. Ritzels Herangehensweise ist eine völlig andere: Er geht vom eigenen Erleben aus. Das kann ein zerschossenes Militärfahrzeug sein, auf das er als Vierjähriger gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Wald stieß, und das ihn so lange nicht los ließ, bis er eine Hintergrundgeschichte dazu erfunden hatte (Leser von Schatten des Schwans werden den Anfang des Romans wiedererkennen). Oder es sind Personen, denen er während seiner jahrelangen Tätigkeit als Gerichtsreporter begegnet ist und deren Schicksale in dazu bewegen, sich eine Hintergrundgeschichte auszudenken. Diese Hintergrundgeschichte führt dann zwangsläufig, aus Gründen des schriftstellerischen Realismus, dass die Figuren auch einen geschichtlichen Hintergrund benötigen. Hier ist der präzise historische Hintergrund Resultat der Figurenentwicklung, nicht umgekehrt das historische Thema Anlass für die Erfindung der Figuren.

In einem waren sich die Diskutanten allerdings einig: Sie verstehen sich alle drei als politische Autoren. Während Ritzel drauf abhob, dass das Schreiben selbst schon ein politischer Akt sei und Schorlau darauf hinwies, dass seine politische Haltung wohl sehr eindeutig zu erkennen sei, betonte v. Ditfurth, dass es kein Privileg des Schriftstellers sei, ,,politisch“ zu sein, sondern dass dies eigentlich die Pflicht jedes Bürgers, um damit eben auch die des Schriftstellers sei.

Die Diskussion mit dem Publikum konzentrierte sich schließlich, etwas ergebnislos, auf eine Nebenbemerkung Ritzels, dass, zumindest für ihn, eine direkte Verarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen im Roman nicht möglich sei. Er könne sie nur als Schatten, der auf die bundesrepublikanische Geschichte falle, indirekt darstellen. Schorlau und v. Ditfurth zeigten da weniger moralische Bedenken und gaben zu verstehen, sie würden das eher als eine Frage schriftstellerischen Könnens ansehen, räumten aber ein, dass dafür die Messlatte ziemlich hoch liege.
Letzte Aktualisierung ( Samstag, 22 November 2008 )
 
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