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Montag, 14 Juli 2008

Chronik eines Wochenendes in Frontignan

 Übersetzung: Elfriede Müller

 

 

„Die Bedeutung, die Art der Verknüpfung des historischen Ereignisses mit der Gegenwart, das wird bei diesem Verfahren deutlich, ändert sich je nach Faktenlage und Perspektive. Vergangenheit ist nicht einfach da, sie muss als solche entdeckt werden und ihre Bezüge zur Gegenwart können erst nachträglich durch Rekonstruktion hergestellt werden und es ist unabsehbar, wie neue Fakten und neue Bezüge zwischen ihnen das Verständnis dieses Verhältnisses ändern werden. Sicher ist nur: Es gibt diesen Zusammenhang. Aber es gilt, unablässig daran zu arbeiten, um herauszufinden, worin er besteht.“(1)

 

ImageDas Gejammer derjenigen, die behaupten, dass die Kultur auf den Hund komme, ist in Frankreich wohlbekannt und nicht selten ist man davon genervt. Das FIRN, Festival International du Roman Noir (2), fand in der letzten Juniwoche 2008 zum elften Mal in Frontignan bei Sète statt und bewies das Gegenteil.

Allein an den Bücherständen vor der Kirche vorbeizugehen – besonders an den Comicauslagen – genügte, um sich davon zu überzeugen, dass die Kultur, die wahre, nicht gefährdet ist am Anfang dieses 21. Jahrhunderts und dass sie nur durch Bewegung und den neuen Gebrauch alter Materialien lebendig bleibt und nicht wie ein Schmuckkästchen funktioniert. Z. B. Miles Hyman und seine wunderbaren Illustrationen von Joseph Conrad und Dos Passos (3), die Libanesin Zeina Abirached und die Chronik ihrer Jugend in einem Beirut unter Bombenhagel (4), einem Epos, dessen Stil auf den ersten Blick an Marjane Satrapi erinnert, aber im Gebrauch grafischer Mittel erfinderischer ist. Ein gutes Gefühl löste auch die dem Werk von Ambre und David gewidmete kleine Ausstellung aus, die Faust I zum Thema hatte (5) und eine wenig bekannte sozioreligiöse Bewegung des deutschen Mittelalters während der Bauernkriege: die Anabaptisten, die am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts massakriert wurden.

Aktualität der Vergangenheit, Aktualität der Gegenwart, dieses sommerliche Treffen um den Roman noir und seine Verwandten, Comics und Filme, zeichnete sich durch eine große Vielfalt von Themen aus, die von den anwesenden Autoren angesprochen wurden. Der Krimi erwies sich erneut als ein Feld, auf dem aktuelle gesellschaftliche Probleme behandelt werden: ökologische Katastrophen bei dem aus Toulouse kommenden Pascal Dessaint (6), die brutale Instabilität Südafrikas bei Caryl Ferey (7), die schwierigen Mutationen und Spannungen zwischen Tradition und Moderne in Nordafrika bei dem aus Mali stammenden Moussa Konaté (8), die Prostitution bei Alain Wagneur (9), neue religiöse Spannungen im 18. Pariser Arrondissement bei dem Afroamerikaner Jake Lamar (10), die politisch-religiösen Mutationen in Nordirland bei Colin Bateman (11), eine Geschichte der organisierten Gewalt in den USA in dem neuen Roman des brillanten Valerio Evangelisti (12), die Nachwehen der Stasi in Deutschland nach dem Fall der Mauer bei Christian v. Ditfurth (13). Das heißt, das Spektrum war breit und vielfältig und die französischen Autoren haben gezeigt, dass der Vorwurf, die französische Literatur der letzten Jahre sei nur Innerlichkeitsprosa, falsch ist.

Das hohe intellektuelle Niveau der Debatte war eine weitere Stärke des Festivals. Die Rolle des Moderators ist dabei sehr wichtig, denn durch seine Haltung kann er die Debatte entweder ersticken, indem er sich und die eigenen Kenntnisse in den Vordergrund stellt, oder ganz im Gegenteil durch seine Feinsinnigkeit es den Autoren ermöglichen, auf Allgemeinplätze zu verzichten, und einen Dialog zwischen den Beteiligten initiieren, elegant zwischen den verschiedenen Lebenswelten vermitteln.

Ich möchte die Organisatoren des Festivals würdigen: Martine-Hélène Gonzales und ihre Unermüdlichkeit gleich der Ameise aus der Fabel von La Fontaine und die aufmerksame Allgegenwärtigkeit von Michel Gueorguieff, trotz teuflischer Hitze immer im klassisch anthrazitfarbenen Anzug.

In einer Zeit, in der die ökonomischen Bewegungen immer unvorhersehbarer werden und ihre Wirkungen auf das Leben der Menschen immer drückender, wo die allgemeine Tendenz der europäischen Bildungssysteme sich an einer widerlichen Verwertungslogik ausrichten, ist die Bedeutung von Festivals wie das von Frontignan nicht hoch genug einzuschätzen. Kreativität, Schönheit, Intelligenz sind Werte, die uns noch von den Termiten unterscheiden. Dabei würde mir Jean-Bernard Pouy mit seinen witzigen Geistesblitzen sicher nicht widersprechen!


(1)     Elfriede Müller und Alexander Ruoff: Le polar français. Crime et histoire. Paris 2002. S. 107f.

(2)     www.polar-frontignan.org

(3)     John Dos Passos: Manhattan Transfer. Berlin 1986; Joseph Conrad: Der Geheimagent: eine einfache Geschichte. Zürich 1975.

(4)     Zeina Abirached: (Beyrouth) Catharsis. Paris 2001.

(5)     Ambre und Vandermeulen: Faust (nach Goethe). Paris 2006.

(6)     Pascal Dessaint: Cruelles natures. Rivages Thriller. Paris 2007.

(7)     Caryl Feyrey: Zulu. Série noire. Paris 2007.

(8)     Moussa Konaté: L’empreinte du renard. Fayard noir. Paris 2006.

(9)     Alain Wagneur: Hécatombe-les-bains. Actes sud. Arles 2008.

(10) Jake Lamar: Rendez-vous dans le 18ième. Rivages Thriller. Paris 2007.

  (11) Colin Bateman: Turbulences catholiques. Série noire. Paris 2007.

  (12) Valerio Evangelisti: Nous ne sommes rien, soyons tout. Rivages-Thriller. Paris 2008.

      (13) Christian v. Ditfurth: Mit Blindheit geschlagen. Stachelmanns zweiter Fall. Köln 2006.

 

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 16 Juni 2009 )
 
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