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Krieg im Kriminalroman Convertir en PDF Version imprimable
crit par Elfriede Mller   
26-08-2008

Krieg im Kriminalroman

Wolfgang Schorlau: Brennende Kälte.

255 S. Köln 2008. € 7,95

 Martin Cruz Smith: Stalins Geist.

Ein Arkadi-Renko-Roman. München 2007. € 19,95.

 

 

Es gibt viele Romane über Kriege, auch Kriminalromane. Aber wenige, die sich aktuellen Kriegsschauplätzen widmen oder über Kriege berichten, die im offiziellen Diskurs nicht so genannt werden. Der deutsche politische Kriminalroman dreht sich hauptsächlich um den Nationalsozialismus, in Frankreich sind der Spanische Bürgerkrieg und der Algerienkrieg Themen des Roman Noir von Jean Amila über Jean-Patrick Manchette, Frédéric H. Fajardie, Jean-Bernard Pouy bis hin zu Dominique Manotti.

Der Tschetschenien- und der Afghanistankrieg sind zwei bewaffnete Konflikte die noch ausgetragen werden, deren Ende noch nicht abzusehen ist und die die kriegführenden Länder ebenso verändern wie den Schauplatz der Kämpfe. Stalins Geist könnte ein Produkt des Kalten Kriegs sein – ein Amerikaner schreibt über Russland. Doch Martin Cruz Smith ist ein eingeführter Autor, der mit Gorki Park einen Welterfolg gelandet hat, auch wenn der Film mittlerweile bekannter ist als das Buch. Der Blick von außen verschafft Cruz Smith Leser auf der ganzen Welt, obgleich er auch mit Klischeebildern über das aktuelle Russland arbeitet. Raubtierkapitalismus, Altstalinisten, korrupte Milizionäre sind die von Spiegel oder Focus vermittelten Bilder einer Gesellschaft im Übergang, die darauf aber nicht festzunageln ist. Viel spannender wäre es, zu beschreiben, wie die Mehrheit der Menschen dort lebt, arbeitet und träumt, statt die ewige Mär von Mafia und Stalinismus wiederzukäuen.

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 Interessant wird Stalins Geist in der Betrachtung des Kriegs und dessen, was der Krieg aus den Menschen macht. Auch wenn der Serienheld Arkadi Renko unbesiegbar wie Superman durch den Roman wandert, so trifft er doch mit vom Krieg beschädigten Menschen zusammen, die unterschiedliche Konsequenzen aus ihren Erlebnissen ziehen. Arkadi selbst ist Kind eines fanatischen Generals, der seinen Sohn gedrillt und dabei genau das Gegenteil von dem erreicht hat, was er erreichen wollte. Arkadi trägt nie eine Waffe bei sich.

Der Roman handelt von einer Sondereinheit der Polizei, der Bürgerkriegstruppe OMON, den Schwarzen Baretten, die in Tschetschenien die Aufgaben erledigen, die die russische Armee nicht schafft: „Im ersten Tschetschenienkrieg, Anfang der Neunzigerjahre, hatten die Rebellen eine russische Armee aus jungen, schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen zur Ader gelassen. Im zweiten Krieg, der Ende der Neunziger begann, hatte der Kreml eine Speerspitze aus Söldnern und Elitetruppen (...) entsandt.“ (S. 97)

Ein Kriegsveteran, der unter posttraumatischem Stress leidet, erschießt einen Pizzaboten, weil er ihn für einen Tschetschenen hält und sich selbst noch im Krieg wähnt. Ähnlich ergeht es dem Berufssoldaten Florian Singer in Brennende Kälte. Auch er glaubt, immer noch im Kriegsgebiet zu sein, und kann sich von seinen Kriegserfahrungen nicht befreien.

Die Charakterisierung der Schwarzen Barette hat etwas Verschwörungstheoretisches. Sie sind eine Polizei außerhalb der normalen Polizei und schlagen straflos Menschen zusammen, die auf den ersten Blick nicht russisch aussehen. Doch schließlich erweist sich eine tödlich endende Säuberungsaktion – bei der angeblich sechs Schwarze Barette einen Angriff von vierzig oder fünfzig schwer bewaffneten Terroristen zurückgeschlagen haben – als die Folge schlichter Habgier und nicht als vom Kreml gesteuerter Einsatz. Die wenigen Personen des Romans, die weder zur Mafia noch zur Miliz, noch zu den Altstalinisten gehören, sind stark gezeichnet. So die Ärztin Eva aus Tschernobyl, die einem unsichtbaren radioaktiven Regen ausgesetzt war und vier Tage nach der Kernschmelze im Reaktor mit Schulmädchen bei der 1.-Mai-Parade mitläuft. Eine Überlebende, die dann im Tschetschenienkrieg zwischen den Fronten agiert.

Die Beschreibung der Stadt Twer zeigt, wie es in der russischen Provinz zugeht. Rote und schwarze Ausgräber suchen die Leichen von Weltkriegssoldaten. Die Roten, um die Überreste zu den Familien zu schicken, die Schwarzen suchen sowjetische wie deutsche Leichen, um ihnen Orden, Gürtelschnallen und SS-Abzeichen abzunehmen und sie im Internet zu verkaufen. Die Leichengräber finden ein polnisches Massengrab aus der Stalinzeit: „Sie kommen her, um die Vergangenheit zu glorifizieren, und die Vergangenheit serviert ihnen die falschen Opfer.“ (S. 335)

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Wolfgang Schorlau scheut sich bekanntermaßen nicht vor aktuellen politischen Themen. Brennende Kälte ist der erste Prosatext, der den deutschen Afghanistaneinsatz thematisiert. Im Zentrum des Plots steht ein Soldat, der geheime Einsätze für die Bundeswehr durchgeführt hat und danach nicht mehr ins normale Leben zurückfindet. In Afghanistan war jeder sein Feind: „Elfjährige sind genauso gefährlich wie ihre Väter. Deshalb die Tageslosung: Tötet jeden, den ihr seht.“ (S. 19) Bedroht fühlt er sich inzwischen aber auch in deutschen Supermärkten.

Der Roman spielt auf drei Zeitebenen: Erstens 1999, während der Testphase der neuen Mikrowellenwaffen, die auf der Haut brennende Schmerzen hervorrufen, zweitens während des Afghanistaneinsatzes und drittens in der Jetztzeit. Ausgangspunkt: Die Ehefrau von Singer beauftragt Privatdetektiv Dengler, ihren Mann zu suchen. Überzeugend stellt Schorlau die Dynamik des Kriegs dar und die Entstehung der Spezialeinheit aufgrund der Rettung von Mitarbeitern der Deutschen Welle in Ruanda. Eine Spezialeinheit, die sich zu einer Art Söldnerarmee entwickelt wie OMON bei Cruz Smith und die außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung agiert.

In den USA gehören traumatisierte Soldaten spätestens seit dem Vietnamkrieg zum Alltag. Schorlau beschreibt, wie sich dieses Phänomen in der deutschen Gesellschaft zeigen könnte.

 

Dernire mise jour : ( 26-08-2008 )
 
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