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De Gier und Grijpstra verwaist PDF Drucken
Mittwoch, 08 Oktober 2008

De Gier und Grijpstra verwaist

 Übersetzung: Kerstin Schoof

 

Janwillem van de Wetering ist in diesem Sommer gestorben. Diese Nachricht ist in der heutigen Informationsflut völlig untergegangen. Europolar möchte diesem Autor, der ein einzigartiges Universum hinterlassen hat, die letzte Ehre erweisen.

 

                                                

Janwillem van de Wetering, geboren 1931 in Holland, wuchs in seinem Heimatland auf und ging dort zur Schule, bevor er das Abitur an einem Wirtschaftsgymnasium erworb und sein Studium an englischen Universitäten absolvierte. Er fängt eher spät an, zu schreiben, und unternimmt kurz darauf seine ersten Schritte im  Kriminalroman mit "Outsider in Amsterdam", dem ersten Band der Ermittlungen von Brigadier de Gier und Adjutant Grijpstra von der Amsterdamer Polizei. Wir befinden uns im Jahr 1975, und nach einem abwechslungsreichen Berufsleben als Vertreter für chemische Produkte in Kolumbien, Fischhändler in Peru und Leiter einer Textilfirma in Amsterdam stellt van de Wetering seine Koffer in Maine, USA, ab. Er wird dort bis zu seinem Tod am 4. Juli 2008 bleiben.

 

Als van de Wetering 1975 als Krimischriftsteller debütiert, ist er kein Novize auf dem Gebiet des Schreibens mehr: "Der leere Spiegel" (1971) war bereits ein großer Erfolg. Mit ebenso viel Humor wie dem nötigen Abstand berichtet er hierin von seinem achtzehnmonatigen Aufenthalt in einem Zenkloster im Jahr 1958. Zwei weitere Veröffentlichungen ("Ein Blick ins Nichts", 1975 und "Die reine Leere", 1999) behandeln das Thema Zen und die Erfahrungen des Autors mit dem Buddhismus, diese weitgehend autobiographische Trilogie erscheint in zahlreichen Neuauflagen in den USA.

ImageDer Weg des Zen durchzieht das Leben und die Romane van de Weterings, und ab dem ersten Band taucht er oftmals in seiner Krimireihe auf. Van de Wetering arbeitete ab 1965 als Streifenpolizist in der freiwilligen Reserve der Amsterdamer Polizei, als Ersatz für den durch seine Auslandaufenthalte nicht abgeleisteten Wehrdienst, und bekam so einen realistischen Einblick ins System, der seinen späteren Romanen zugute kommen sollte. In "Outsider in Amsterdam" werden de Gier und Grijpstra zu einem Selbstmord in eine alte Villa am Haarlemmer Houttuinen gerufen, dem Sitz der Hindusitischen Gesellschaft, deren Gründer Piet Verboom an einem Strick von der Decke hängt. Vor Ort werden die beiden Polizisten von einem kleinen dunkelhäutigen Mann empfangen, der ein perfektes Niederländisch spricht – ein Papua, der sich nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas für die holländische Staatsbürgerschaft entschieden hat. Für eine geringe Miete wohnte Jan Karel Van Meteren im Gebäude und hatte freien Eintritt zum Restaurant der Stiftung. Die Präsenz der Polizisten in seinen Mauern gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit. Piet Verboom hat eine schlimme Zeit hinter sich: seine Frau hatte ihn verlassen und die gemeinsame Tochter mitgenommen, er sprach von Selbstmord. Trotzdem ist da noch diese große Beule an seinem Kopf. Hat man ihm geholfen, sich das Leben zu nehmen ...? De Gier und Grijpstra fangen an zu ermitteln, auf ihre Weise, unauffällig, als ob nichts wäre. Zurück in ihren Büros entwerfen sie alle möglichen Szenarien und verifizieren die plausibleren ihrer Hypothesen. Ihre Berichte liefern sie an ihren Vorgesetzten, nur "der Commissaris" genannt, ein sanfter alter Mann, der von Rheuma geplagt wird. Im Laufe ihrer Befragungen erfahren de Gier und Grijpstra, dass die angeblich gemeinnützige Stiftung wohl eher der persönlichen Bereicherung Piet Verbooms diente. In einem geheimen Geschäft hatte er eine Hypothek auf das Stiftungsgebäude aufgenommen, und eine beträchtliche Summe Geld ist verschwunden. Die Polizeibeamten entdecken Haschisch in den Räumen der Stiftung – eine Banalität in Amsterdam, die die Ermittlung jedoch zum Handel mit härteren Drogen führt, teurer beim Einkauf, aber auch lukrativer für die Händler. So häufen sich die Begegnungen mit immer seltsameren Gestalten, alles unter den interessierten Augen des Schuldigen, der die Untersuchung ganz aus der Nähe verfolgt ...

 

In einen Roman von Janwillem van de Wetering einzutauchen, bedeutet, das beruhigend-pittoreske Amsterdam mit seine Kanälen und seinen originellen Bewohnern zu entdecken – in einer Stadt, in der nichts mehr überrascht und alles erlaubt scheint. Die örtliche Polizei ist keine Ausnahme dieser Regel: die beiden Ermittler haben ein Schlagzeug in ihrem Zimmer stehen, und ihre Überlegungen werden oftmals durch ein kunstvolles Duo für Flöte und Schlagzeug unterbrochen. Es kommt selten vor, dass de Gier seine Flöte nicht in der Tasche hätte, und Grijpstra findet immer etwas, das er zum Schlagzeug umfunktionieren kann, egal an welchem Ort oder in welcher Gesellschaft sich die beiden befinden. Diese Reihe von vierzehn Krimis verfügt über einen verrückten Charme, der sich aus der Sanftheit der beiden Ermittler speist, aus ihrer Ablehnung jeglicher Gewalt und dem Respekt, der die Beziehungen auf ihrem Revier bestimmt. In der Hoffnung, dass diese Welt nicht längst vergangen ist ...

 

Janwillem van de Wetering hat zudem mehrere Kinderbücher und eine Biographie des ebenfalls am Buddhismus interessierten Autors und Fernostexperten Robert van Gulik verfasst: "Robert van Gulik : His Life, His Work" (1987).

Van de Weterings Krimis sind in Deutschland bei Rowohlt erschienen.

 

Eine ausführliche Bibliographie sowie eine von Janwillem van de Wetering selbst verfasste Biographie ist auf der amerikanischen Website www.dpbooks.com/vandewet.htm zu finden. 

 

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 28 November 2008 )
 
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