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Der italienische Kriminalroman und sein Gedchtnis PDF Drucken
Mittwoch, 26 November 2008

Der italienische Kriminalroman und sein Gedächtnis.

Bericht einer interdisziplinären Ermittlung

Übersetzung:    Andrea Stephani
 
Die Zahl der Ermittlungsromane, die sich mit den schier unlösbaren Problemen befassen, die das historische Gedächtnis des Landes spalten, hat in Italien in den Jahren nach dem Kalten Krieg stark zugenommen. Und so wurde der Zusammenhang zwischen Kriminalroman und Gedächtnis zu einem Forschungsfeld, das über die Grenzen der Literaturkritik hinausgeht. Wozu dient das Gedächtnis, das der italienische Krimi transportiert, und an wen richtet es sich? Dies war der rote Faden, an dem sich das internationale Kolloquium vom Mai 2008 in Louvain-la-Neuve orientierte, auf dem ein interdisziplinärer Blick auf die medienübergreifende Rolle eines Gedächtnisses geworfen wurde, das vor dem Hintergrund der Globalisierung immanent mit der italienischen Kultur verknüpft ist. Es war der zweite Teil einer Veranstaltung, bei deren erstem Teil im März 2008 in Aix en Provence die Beziehungen zwischen „Kriminalroman, Geschichte und Erinnerung“ bereits eingehend untersucht worden waren.
    Bei den Vorträgen des von den Universitäten von Anvers (Antwerpen) und Louvain (Leuwen) organisierten Kolloquiums zeichneten sich im Wesentlichen zwei Richtungen ab, die den gesellschaftlichen und ästhetischen Aspekten des italienischen Krimis sowohl eine anthropologisch-psychologische als auch eine ethisch-politische Dimension verliehen. Zum einen weist der Ermittlungsroman eine Erzählstruktur auf, die es ermöglicht, die „Veränderung“ des Gedächtnisses im Lauf der Zeit und zwischen verschiedenen Kulturen darzustellen. Der Kriminalroman als narratives Räderwerk, das bestimmten Regeln und Erwartungen folgt, ist in diesem Fall ein narratologisches Instrument, mit dem die Entwicklung der individuellen wie interpersonalen Subjektivität analysiert werden kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich die kognitive Psychologie im Lauf der vergangenen Jahre immer stärker der Narratologie zugewandt hat, um die subjektive Fähigkeit zum Erdenken und Erzählen von Geschichten zu erforschen. Zum anderen führt die Ansicht, das Krimigenre sei besonders geeignet, vom Kampf gegen die bestehende Ordnung zu erzählen, dazu, dass es zunehmend mit dem „Sozialroman“ in Verbindung gebracht wird. Dieser Sichtweise gemäß ist das Gedächtnis bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vorbehalten, die die Geschichte erneut in Frage stellen wollen, um alternative Räume zu öffnen, die mit kollektiver Erinnerung nicht immer assoziiert werden können. Das jüngste narrative Ergebnis solchen Strebens findet sich in Italien in Form des New Italien Epic (NIE) des Wu Ming-Kollektivs, das die ethische Forderung nach einer Erzählweise vertritt, die über die konventionellen Grenzen des Krimis hinausgeht, um vom Kampf der „Multitude “ zu berichten, einer facettenreichen Realität, die ihr Gesicht je nach Zeit und Institution ändert, ohne dabei ihren ungebändigten Elan zu verlieren.
    Der anthropologisch-psychologische Ansatz wurde von der Linguistin Raffaella Petrilli präsentiert, die ihre Vorstellung vom Gedächtnis erläuterte, indem sie zwischen einer emotiven (die Erinnerung an den Wert der Dinge) und einer kognitiven Dimension (die Anamnese oder Rekonstruktion der Bedeutung der Dinge) unterschied: Ausgangspunkt des Kriminalromans seien widerstreitende Erinnerungen, die dadurch, dass die Figur des Ermittlers Gedächtnis und Anamnese verkörpere, in Worte gefasst werden könnten und ins Bewusstsein drängen. Raffaella Petrilli zufolge ist der italienische Ermittler paradoxerweise oft zu sehr von Gedächtnis und Erinnerung gefangen, um den Fall lösen zu können, weshalb das Räderwerk der Anamnese auf der Ermittlungsebene oft leer laufe. Dieser Vortrag wies mehrere Gemeinsamkeiten mit dem der Expertin für Sozialpsychologie Giovanna Leone auf, die in Anlehnung an Frederic Bartlett das Gedächtnis als „Konventionalisierungsprozess“ untersucht hat, was sie am Beispiel der italienischen Fernsehadaptation der Maigret-Originalserie veranschaulichte. Wenn Erinnerung der Kampf um Bedeutung ist, so Leone, dann werden die „Hyper- und Hyposemantisierungen“ bei der interkulturellen Umsetzung des Simenon’schen Originaltexts durchweg zu Indizien für den Zustand einer Kultur. So werde Maigrets Unbehagen an der Gesellschaft im italienischen Drehbuch zu privat-familiärem Widerstand gegen persönliche Verleumdung. Sowohl Raffaella Petrilli als auch Giovanna Leone stellte sich der Kriminalroman infolgedessen als konventionelle Textstruktur dar, die es ermögliche, die kulturellen Besonderheiten im Umgang mit Erinnerungs- und Deutungskonflikten unter den von Maurice Halbwachs beschriebenen „sozialen Bedingungen“ des Gedächtnisses zu erforschen, den Giovanna Leone in diesem Zusammenhang zitierte.
    Wurde das Gedächtnis in dieser ersten Annäherung über die anthropologische Bedeutung des Kulturbegriffs definiert, so erlangte es im zweiten Durchgang, den Elfriede Müller eröffnete - die gemeinsam mit Alexander Ruoff den Essay Geschichte und Verbrechen. Der französische Roman Noir verfasst hat -, eine politische Dimension, weil es jenen Gruppen und Generationen vorbehalten sei, die sich ihre Identität konträr zur Geschichte bilden. In diesem Fall skizziere der dem Krimi zugrunde liegende Erinnerungskonflikt mit Hilfe der der Ermittlungsliteratur zugeschriebenen „konterrepräsentativen“ Funktion „Gegen-Orte“ der Geschichte, die sich von den von Pierre Nora beschriebenen Gedächtnisorten unterschieden. In Frankreich habe dieser Prozess mit dem „Postachtundsechziger-Krimi“ konkrete Form angenommen, der sich zu einem Genre entwickelt habe, das die „Besiegten“ zu Wort kommen lasse, die im Wesentlichen mit jenen Linken gleichgesetzt würden, die für eine positive Auslegung des Mai 68 stehen. Elfriede Müller warf die Frage auf, ob es unter den italienischen Autoren eine vergleichbares kollektives Gedächtnis gebe, und eine erste Antwort darauf lieferte der engagierte Beitrag, den Girolamo De Michele für das Kolloquium verfasst und auf der Website für Gegenkultur, Carmilla online, und dann in gekürzter Fassung in der Tageszeitung Libération veröffentlicht hat. In der Tradition Jean-Patrick Manchettes betrachtete er den Kriminalroman als ein Genre, bei dem die Regelverletzung zur ethischen Pflicht werde. Durch seine Bezugnahme auf die Soziologen Aldo Bonomi und Zygmunt Bauman und deren Konzept der „glokalen Identitäten“, das im „liquiden“ Zustand erlebter Wahrheit operiere, und durch das Beschwören des Proteus-Mythos als Allegorie des Wissens lieferte Girolamo De Michele die theoretische Grundlage für ein performatives Wissen, das Handeln und sprachliche Äußerung vereine. Der Krimi funktioniere also innerhalb einer kritischen Dimension, die vom Schriftsteller fordere, in vollem Maß Verantwortung zu übernehmen und nicht die Bodenhaftung zu verlieren, wenn er seine Arbeit ernst nehme. Eine kritische Haltung, die der spielerischen Dimension des Kriminalromans fremd ist und die im Gegensatz dazu Piero Soria an den Tag legte, ein Turiner Autor, für den der Kriminalroman nichts anderes ist als ein „Trick“ oder ein Vorwand, vom sozialen Wandel in seiner Stadt zu erzählen, ohne sich jedoch auch nur ansatzweise zu fragen, ob hier möglicherweise ein Zusammenhang mit der Klassengesellschaft besteht. Dort, wo Girolamo de Michele eine aktive Haltung seines idealen Lesers voraussetzte, war Piero Soria eher auf einen Leser aus, der Unterhaltung sucht. Spiel oder nicht, der italienische Krimi scheint vor allem „den Finger in die Wunde des Vergessens“ legen zu wollen. Der Rückgriff auf die Fiktion, um mögliche Lösungen jenseits der Realität zu beschwören, könnte den Weg zu einem Engagement „postmodernen“ Typs aufzeigen, so der Vorschlag von Jennifer Burns bezüglich des Bandes Assassinations and Murder in Modern Italy. Transformations in society and culture, herausgegeben unter der Leitung von Lucia Rinaldi und Stephen Gundle, der auf dem Kolloquium vorgestellt wurde. Angesichts des anhaltenden „italienischen Mysteriums“, das vor allem Misstrauen gegenüber einer italienischen Demokratie wecke, die unfähig sei, ihren Bürgern zu „Wahrheit und Gerechtigkeit“ zu verhelfen, müsse gerade das Krimigenre in den Köpfen der Leser eine kollektive Vorstellungswelt hinterlassen, die als Gedächtnis fungieren könne. In ihren Vorträgen über Giancarlo di Cataldo, anhand dessen Romanzo criminale und Nelle mani giuste der Leser die italienischen Traumata der siebziger und neunziger Jahre erneut durchleben kann, konzentrierten sich Marco Amici und Gert Sørensen darauf, wie der Roman es schaffe, sich der Mystifizierung der Wirklichkeit durch eine Geschichte zu widersetzen, die wahrer sei als die offizielle Geschichte. Während Marco Amici von der neuen Situation des Schriftstellers ausging, der sich der Mehrdeutigkeit indirekten Erlebens durch die Medien gegenüber sehe, wandte sich Gert Sørensen als Historiker der Frage zu, wie die Gattung des Kriminalromans, die keine Lösung des kriminellen Tatbestands vorsieht, sich mit dem Begriff des „Doppelstaats“ deckt, den der Historiker Franco De Felice entwickelt hat und der von der Voraussetzung ausgeht, dass ein Gesetzesverstoß nichts anderes ist als eine Strategie zur Umverteilung der Macht. In beiden Fällen dient die „umstürzlerisch“ gewordene Fiktion dem Entwurf einer metaphorischen Linie, die die Erzählung auf die Ebene der Mythopoiesis hebt, ohne deshalb den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren. Weshalb Marco Amici von einer Rückkehr zum historischen Roman sprach und Gert Sørensen von einem veristischen Stil.
Das „als ob“ der Fiktion ermöglicht also das „Erleben“ des Wahren in einer Welt der Parallelwahrheit. Diese Hypothese stellte Alberto Casadei in seiner Analyse von Roberto Savianos Gomorra als Beispiel für den von ihm so genannten „Naturalismus 2.0“ auf, wo der Autor nicht entschwindet, sondern auf dem Ermittlungsparcours an die Stelle des Lesers tritt, indem er eine Art sinntragender Teilhabe einführt. Anders gesagt kommt dieser Naturalismus durch den direkten Kontakt mit dem körperlich anwesenden Erzähler und Zeugen zum Ausdruck, der selbst die Wirklichkeit zu spüren bekommt. So nimmt eine Art von aktiver Literatur Gestalt an, die den Bezug zu einer Realität neu beleben kann, die in der Fernsehfassung bereits selbsterklärend schien. In ihrem Vortrag über die Romane Il giorno della civetta von Leonardo Sciascia und Il giorno del lupo von Carlo Lucarelli konzentrierte sich Yasmina Khamal auf die Frage, in welchem Verhältnis dieses aktive Erzählen zum kollektiven Gedächtnis steht und griff Dominique Maingueneaus Definition von Literatur als „konstituierendem Diskurs“ auf, einem Diskurs nämlich, dessen Aufgabe es sei, für weitere Diskurse zu bürgen, und der kollektivem Handeln einen Sinn gebe. Eine solche Aussage lasse sich weder innerhalb noch außerhalb der Gesellschaft ansiedeln und entstehe, da die Zuweisung eines echten Raums unmöglich sei, an einem von Maingueneau als „paratopisch“ definierten Ort. In ihrem Vergleich der Darstellungen des Mafia-Phänomens bei Leonardo Sciascia und Carlo Lucarelli unterstrich Yasmina Khamal diese paratopische Dimension der gezeigten Wege zum Wissen.
    Diesen verschiedenen Beispielen ist die Grundannahme gemein, dass Verfremdung kein taugliches erzählerisches Mittel mehr sei, um das Bewusstsein des Lesers anzuregen. Es müssten vielmehr Wege gefunden werden, durch Literatur „Gemeinschaft herzustellen“. Auf existenzieller Ebene hingegen funktioniere die Verfremdung noch, um zu verdeutlichen, wie die kulturelle Logik des Kapitals das sich selbst fremd gewordene Individuum präge. So erforschte William Hope in seiner Analyse des Films Quo vadis baby? von Gabriele Salvatores nach dem Roman von Grazia Verasani die Grundzüge jener finsteren Gemütsverfassung, die den Detektiv bei seiner Abkehr von sich selbst und der Gesellschaft befällt – unmittelbare Folge der „Internalisierung“ der sozio-ökonomischen Bedingungen und einer mittlerweile institutionalisierten Kriminalität. Die Teilhabe an der Wirklichkeit mit Hilfe des Gedächtnisses sei weder risikolos noch in jedem Fall schmerzfrei. In Luca Somiglis Vortrag über die historischen Kriminalromane von Loriano Macchiavelli wurde deutlich, dass die Rückwendung zur Vergangenheit im Kriminalroman nicht zwangsläufig dessen Erlösung und anschließende Mythologisierung bedeutet, sondern dass die Erfahrung des Sinns vielmehr darauf abzielt, die dunkelsten Seiten einer Welt hervorzuheben, die bereits von den „die Gegenwart verseuchenden“ Giften heimgesucht wurde. Auf welcher historischen Interpretationsgrundlage ließe sich da „Gemeinschaft herstellen“?
  
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Luca Somigli - Marta Forno
  Da Makro- und Mikrogeschichte sich ständig kreuzen, ist das Gedächtnis im italienischen Kriminalroman oftmals implizit oder explizit an eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe gebunden, die zuweilen absichtlich von der Geschichte außer Acht gelassen wird. Dies erläuterte Marta Forno in ihrem Vortrag über Piero Colaprico und Pietro Valpreda und wie diese den Prozess des Vergessens erlebt haben, der mit der sich verändernden Mailänder Kriminalität zwischen den Siebziger- und Neunzigerjahren einhergeht. Kann das Gedächtnis in diesem Fall der Antrieb für irgendeine Form von Gerechtigkeit sein, die fähig wäre, über das Persönliche hinauszugehen? Bis zu welchem Punkt kann das Gedächtnis einer einzelnen Gruppe auf legitime Weise eine ganze Gemeinschaft repräsentieren? Diese Frage erweist sich als besonders komplex, wenn es um die traditionelle bipolare Aufspaltung in Faschismus und Widerstand geht. Der Wunsch von Elfriede Müller, mit Hilfe des Kriminalromans ein konsensorientiertes Kollektivgedächtnis zu schaffen, scheint vor dem Hintergrund der italienischen Verhältnisse nur schwer denkbar. Wie Maria Pia De Paulis in ihrer Studie über den Roman Quella mattina de luglio von Corrado Augias betonte, in dessen Mittelpunkt die Bombardierung des römischen San Lorenzo-Viertels am 19. Juli 1943 steht, könne die Neuinterpretation historischer Ereignisse nur durch „den nachträglichen Blick, das nachträgliche Urteil“ der Literatur eine pädagogische Erinnerungsfunktion erhalten. Lasse man den Glauben der Hauptfigur an Mussolinis Mystifizierung mit der antifaschistischen Neuinterpretation des Erzählers zusammentreffen, werde der Leser in den Kern der Problematik einer Erzählung katapultiert, die einen ethischen Blickwinkel erfordere. Paolo Chirumbolo wandte sich in seiner Analyse des vierhändig geschriebenen Romans Tango e gli altri von Loriano Macchiavelli und Francesco Guccini gegen Journalisten wie Giampaolo Pansa, die die Geschichte des Partisanenkriegs umdrehen, indem sie auf die Abrechnungen mit den besiegten Faschisten aufmerksam machten. Ausgehend von einem Zitat von Linda Hutcheon, derzufolge eine Erzählung das ist, was Wissen zu Gesagtem macht („narrative ist what translates knowing into telling“), zeigte er, dass die Erzählung Tango e gli altri dem entspräche, was die Autoren „die große Lüge“ des historischen Revisionismus nennen, die sowohl in der reaktionären Politik der Tambroni-Regierung der unmittelbaren Nachkriegszeit als auch im Vergessen der Geschichte, für das die Regierung Berlusconi sorgt, um sich greift.
    Ein gemeinsames Gedächtnis ist in Italien weiterhin nicht nur aus historischen, sondern auch aus gesellschaftlichen und geographischen Gründen ein Problem. In ihrer Untersuchung von Grazia Verasanis Quo Vadis Baby? und Velocemente da nessuna parte zeigte Alessia Risi, dass die stereotypisierte Umsetzung weiblicher Profile in Film und Fernsehen von der tadelnswerten Missachtung einer emanzipatorischen Entwicklung zeugt, die eher zu einer Neudefinition sozialer Rollen als zu einem Prozess der „rigenderation“ führen müsste. Eine Gedächtnislücke, die die Journalistin Loredana Lipperini zu dem Essay Ancora dalla parte delle bambine veranlasst hat, um klarzumachen, dass die von Elena Gianini Belotti in den sechziger Jahren gezogenen Alarmglocken noch immer aktuell sind.
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Christian von Ditfurth
    Bei der Frage nach dem Gedächtnis einer nationalen Identität spiegelte der Rundblick von Franca Pellegrini für Italien eine komplexe Situation, für die die Bezeichnung „national-regionale“ Identität passender erscheint. Seit Gramscis Vorstellung einer nationalen Volkskultur gebe es in Italien noch immer eine von der Volkskultur inspirierte Literatur, die aber zugleich eine aus „Vernetzungen“ entstandene Identität unterstreiche, die den Nord-Süd-Gegensatz abbaue. Franca Pellegrini belegte dies mit einem Vergleich von NordEst von Massimo Carlotto und Marco Videtta und Gomorra von Roberto Saviano, und ihre These ließe sich auch auf Italiens neue mulitkulturelle Realität anwenden, die Daniele Comberiati mit dem Migrantenkrimi Scontro di civiltá per un ascensore in piazza Vittorio des algerischen Schriftstellers Amara Lakhous ins Spiel brachte. Aus der „schrägen“ Sicht des Fremden, Lakhous, wird das Gedächtnis der italienischen Gesellschaft letztlich durch eine Zersplitterung in individuelle Sinngebungen verblassen, wodurch eine gemeinsame historische Wahrheit unerreichbar wird. Der doppelte antithetische Schluss mache deutlich, dass die Art von Gerechtigkeit, die der Kriminalroman hervorbringt, nicht Wirklichkeit wird, vielleicht gerade deshalb, weil es kein Gedächtnis gibt, das man als „kulturübergreifend“ bezeichnen könnte und das den „Zusammenprall der Kulturen“ in ein pazifistisches Modell umwandeln könnte.
    Zum Abschluss dieses Durchgangs könnte man nach den Kriterien fragen, denen eine einvernehmliche Wahrheit genügen muss, die sich mithilfe von Ermittlungsliteratur erreichen ließe. In seiner Typologie des historischen Kriminalromans stellte Minne de Boer das Merkmal der „Anti-Geschichte“ in Frage, das er mit jenen Kriminalromanen in Verbindung brachte, in denen es um die Skandale zur Zeit des Kalten Kriegs in Italien geht. Seiner Meinung nach funktioniert der Ermittlungsroman als Alternative und nicht als Gegensatz zur wissenschaftlichen Geschichtsschreibung: Bringe man suspense in eine bereits der Vergangenheit angehörende Geschichte, werde diese dadurch offen für neue Lesarten. Claudia Canu suchte die Antwort in der epistemologischen Natur des Kriminalromans, der aufgrund der Wahrscheinlichkeit der Erzählung die Zweiteilung in Symbole und Dinge neu definiere. Am Beispiel des sardischen Autors Giorgio Todde machte sie deutlich, wie das Symbol zu einer Spur werden könne, um die herum das kollektive Gedächtnis entsteht.
    Geht es also vielleicht darum, die Geschichte neu zu erfinden, um die Mythologie eines denkwürdigen Kampfes zwischen Gut und Böse zu inszenieren? Beim Schnelldurchgang durch das Memorandum des New Italian Epic bezeichnete Claudio Milanesi eine Tendenz als „coscienza dell’eticità dell narrare“, die - zum Nachteil der ästhetischen Willkür der Postmoderne – bei den italienischen Schriftstellern der letzten Jahre wieder auftaucht. Die Verlagerung des Ringens um den Sinn auf eine mythologische Ebene birgt allerdings das Risiko, den Konflikt nicht mehr mit den Begriffen der Vernunft, sondern mit denen des Affekts zu deuten. Der Akt des Erinnerns, der über den Kriminalroman hinaus die erzählten Ereignisse in der Mythologie verortet, indem er deutliche Spuren in der kollektiven Vorstellungswelt hinterlässt, genügt sich folglich nicht selbst und sollte in jedem Fall mit der historiographischen Arbeit einhergehen.
  
C. von Ditfurth E. Borgers X. Hanotte E. Mueller A. Berenboom P. Soria
  An dem runden Tisch, moderiert von Elfriede Müller, wurde der Versuch unternommen, das Verhältnis zwischen Kriminalroman, Geschichte und Erinnerung auch auf die Situation in Belgien und Deutschland auszuweiten, Länder, deren Merkmal ebenfalls die Last einer geteilten Geschichte ist. Etienne Borgers, Mitbegründer der Website europolar, lieferte einen „europäischen“ Abriss der Entstehungsgeschichte des Krimis als Gesellschaftsroman. Da die Erinnerung an eine fehlende Geschichte just durch den Kriminalroman übermittelt wird, ist letzterer nach Borgers Auffassung stets ein systemkritisches Genre. Seine Ursprünge liegen in den Vereinigten Staaten, in der von James Cain 1934 mit Wenn der Postmann zweimal klingelt geschaffenen Sozialversion des hard boiled-Krimis und ist für gewöhnlich von einem gesellschaftlichen Phänomen oder gar einer Krise inspiriert, die sich in einer unrechtmäßigen Handlung widerspiegelt. In Frankreich erreicht der Krimi als Sozialkritik mit der echten Revolution von 1968 seinen Höhepunkt. Der führende Kopf des Neopolar, der den Protest ins Herz der Literatur trägt, ist Jean-Patrick Manchette, dem es Didier Daeninckx in den achtziger Jahren nachtut. Unter den Theoretikern, die die soziale Komponente des Genres beeinflussten, ist auch Guy Debord zu nennen.
    Wie sahen die geladenen Autoren die gesellschaftskritische Dimension des Krimis, auf die Etienne Borgers hinwies? Der belgische Schriftstellers Xavier Hanotte, dessen Werk die Grenzen des Kriminalromans überschreitet, orientierte sich eher am klassischen Whodunit à la Chandler als am systemkritischen Modell. Der Autor interessierte sich für narratologische und erkenntnistheoretische Aspekte wie etwa die Auslegung der Wirklichkeit mittels des Kriminalromans und seiner Figuren, die Rolle des Zufalls im Ermittlungsroman, den menschlichen Aspekt der Protagonisten. Seiner Ansicht nach verhindere der langsame Rhythmus seiner Romane eine schnelle Handlung, wie in dem Roman Manière noire [Schwarze Manier], dessen Titel sich an eine Zeichentechnik anlehnt. Eine richtige polizeiliche Ermittlung fehlt häufig in seinen Büchern, und der Fall, um den es geht, ist zugleich zu groß und zu klein, als dass er den Parametern der aufzuklärenden Straftaten entsprechen könnte. Die Mehrdeutigkeit des Wahren und eine Auslegung, die sich stets als doppelbödig erweist, sind in seiner „schwarzen Erzähl-Manier“ vorherrschend. Seine Romane sind also eine Illustration des postmodernen metafiktionalen Krimis, der darauf aus ist, die polizeiliche Suche neu zu schreiben, um epistemologische und ontologische Fragen abzuhandeln.
    Im Gegensatz dazu vertrat der deutsche Schriftsteller und Historiker Christian von Ditfurth die Ansicht, der Kriminalroman habe die klare gesellschaftliche Aufgabe, die Vergangenheit zu erforschen. Seine Ermittlungsromane sind für ihn durch die Bank Erzählungen, in denen Geschichte ein menschliches Gesicht erhält. Seiner Meinung nach sind Historiker Helden, die es wagen, gegen den Strom zu schwimmen, und sein Detektiv und Protagonist trägt den Namen Stachelmann. Anhand des Kriminalromans verdeutlichte er die Auswirkungen der Makrogeschichte auf die Mikrogeschichte des Alltags, wie beispielsweise dem Arisierungsplan der Nazis, der in kleinem Maßstab von ganz normalen Menschen durchgeführt wurde, die ihre Nachbarn bestahlen. In Hamburg waren auf diese Weise mehr als dreihundert sogenannte Arier aktiv an der Enteignung der jüdischen Bevölkerung beteiligt, einer Operation, die vom Finanzamt und nicht von der Gestapo organisiert wurde. Der Ermittlungsroman eigne sich auch für historische Hypothesen, regelrechte „Kontrafiktionen“, bei denen die Veränderung geschichtlicher Fakten es ermögliche, sich die Zukunft einmal anders vorzustellen. So malte sich Christian von Ditfurth in Die Mauer steht am Rhein aus, wie Westdeutschland nach 1989 vom sozialistischen Ostdeutschland besetzt wird. Bei dieser fiktiven Umschreibung der Geschichte können historische Heldentaten eine andere Bedeutung erhalten und den Leser zu einem kritischen Blick auf die Vergangenheit animieren: So nahm der Historiker zum Beispiel den Mythos der „Männer des 20. Juli 1944“ auseinander, die das Attentat auf Hitler planten und die nicht die „Männer des Widerstands“ seien, als die die Bundesrepublik sie mit Blick auf den in der DDR gefeierten kommunistischen Widerstand gerne darstellt.
    Auch der belgische Schriftsteller und Anwalt Alain Berenboom meinte, dass er als Autor von Kriminalromanen am Entwurf einer „Gegen-Erinnerung“ mitwirke. Im Fall Belgiens kann man sich allerdings fragen, ob überhaupt eine kollektive historische Erinnerung und infolgedessen das Land als Nation existiert. Berenboom ist geprägt vom amerikanischen Noir und französischen Autoren wie Jean-Patrick Manchette und glaubt, dass Kriminalliteratur nicht nur eine paraliterarische Gattung ist, sondern vielmehr ein Verfahren zum Aufbau von suspense, das einen Raum schafft, in dem die Meinung der Straße zum Ausdruck kommt. Zwar setzt die Literatur im Allgemeinen kein Vertrauen in die Politik, in seinem Fall jedoch hat die Politik ihn als Schriftsteller beschäftigt. Er zeigte den historischen Wandel Belgiens am Beispiel der Stadt Anvers (Antwerpen) auf, die über Jahrhunderte kosmopolitisch war und heute von der nationalistischen Separatistenpartei Vlaams Belang dominiert wird. Ein Toter macht aus einem Roman also noch keinen Krimi. Selbst wenn Alain Berenbooms Erzählungen häufig in der Vergangenheit angesiedelt sind, zeigen sie in analoger Weise, wie die Begebenheiten, um die es geht, sich auf die Gegenwart auswirken. Der Roman Péril en ce Royaume [Gefahr in diesem Königreich] beispielsweise, der in der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek spielt, erzählt auf der makrohistorischen Ebene die Geschichte der Königsfrage von 1947 und inszeniert auf der mikrohistorischen Ebene eine Zeit, in der das belgische Proletariat sich in einer Krise befindet und unter polnischen und jüdischen Emigranten die Frage der massiven Enteignungen wieder hochkommt.
    Betrachtet man die unterschiedlichen Bedeutungen, die uns vorgestellt wurden, scheint das „als ob“ der Literatur einen idealen Raum zu bieten, um die Vieldeutigkeit der Wahrnehmung von Wirklichkeit aufzuzeigen und eine kulturelle Erinnerung zu schaffen, die den geschichtlichen Ereignissen eine gesellschaftlich-moralische Dimension verleiht. Letzteres wurde allerdings von dem italienischen Schriftsteller Piero Soria in Frage gestellt, der die Notwendigkeit betonte, sich zunächst einmal darüber zu verständigen, welche Vorstellung von Gedächtnis mit dem Kriminalroman verknüpft ist. Seiner Meinung nach ist das „Gedächtnis“ möglicherweise nur ein nostalgischer Bestandteil, mit dem der Erzähler den Leser unterhält. Der Krimi mahne nicht dazu, sich mit dem historischen Gedächtnis zu befassen, sondern reize die Neugier des Schriftstellers und dränge ihn infolgedessen noch mehr in Richtung Zukunft. Unter dem Gesichtspunkt der Unterhaltung und der Neugier gegenüber dem, was ist, erinnerte Piero Soria an das Erbe von Giorgio Scerbanenco, in seinen Augen der Verfechter eines parodistischen Kriminalromans, in dem jenseits von Vergehen und Ermittlung dieselben absurden Ereignisse geschehen wie im normalen Leben. Der Turiner Schriftsteller scheint so auf spielerisch-nostalgische Weise das die bestehende Ordnung in Frage stellende Erbe zu deuten, das den amerikanischen und französischen Vorläufern zugeschrieben wird: eine vergnügliche Art und Weise, von etwas anderem zu sprechen.
 
Letzte Aktualisierung ( Montag, 08 Dezember 2008 )
 
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