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Ein Revival des Polizeifilms und seiner Politisierung PDF Drucken
Geschrieben von Dominique Jeannerod   
Montag, 01 Dezember 2008

Ein Revival des Polizeifilms und seiner Politisierung:

Xavier Beauvois’ Le Petit Lieutenant (Der kleine Leutnant)

Übersetzung: Kerstin Schoof


ImageXavier Beauvois’ neuer Film Le Petit Lieutenant bewegt sich im Kontext einer quasi-dokumentarischen Erforschung des Realismus im zeitgenössischen Film. Ähnlich wie  Philippe Le Guay (Trois-Huit) and Laurent Cantet (Ressources Humaines)(1) porträtiert er einen Arbeitsplatz. Das Wagnis dieses Unternehmens besteht darin, hierfür die Polizei zu wählen, ein Berufsstand, der so von Mythen durchwoben ist, dass er längst selbst zu einem Untergenre des Kinos wurde. Beauvois gelingt es, die Repräsentation der Polizei komplett zu erneuern, indem er Szenen zeigt, die seit den Anfängen des französischen Polizeifilms kaum jemals im Film zu sehen waren. Der Hörsaal, in dem über die Stationierung der Rekruten entschieden wird, ihre eindrucksvolle Abschlussparade im Hof der Polizeischule, die physische Entgegennahme ihrer Waffe und deren psychologische Erkundung in der Einsamkeit eines Hotelzimmers: all diese Sequenzen unterstreichen von Anfang an eine neue Art und Weise, Berufspraktiken zu betrachten.

Der Realismus, mit dem das Alltagsleben einer Polizeieinheit porträtiert wird, erinnert an Filme von Maurice Pialat (Police )(2) und Bertrand Tavernier (L. 627 )(3). Im Unterschied zu Olivier Marchals 36 Quai des Orfèvres (4), der das Revival des Genres Polizeifilm antizipierte, vermeidet Le Petit Lieutenant spektakuläre Techniken und lineare Narrative. Assoziationen werden eher zu Godard’s Le petit Soldat(5) geweckt als zu Jean-Pierre Melvilles klassischen, stilisierten Thrillern. Im Gegenteil, die Story scheint sich von den Zwängen, die Plot und Drehbuch eines Spielfilms üblicherweise auferlegt sind, zu distanzieren und folgt einem dokumentarisch orientierten Ansatz, der den Film in eine andere Zeitlichkeit setzt als traditionelle Polizeifilme. Gewalt wird durch die Nüchternheit der Sequenzen in Schach gehalten; sie wird eher angedeutet als offen gezeigt, oftmals auf indirekte, zurückhaltende Weise. Beauvois schlägt einen den üblichen Klischees des Polizeifilms entgegengesetzten Weg ein: Indem er die Maschinerie des Staates und sein System der Repression zeigt, demaskiert er die Diskrepanzen und Schwächen, die die Rationalität von Sicherheitspolitiken unterminieren. Indem er die realistische Geschichte eines tragischen Versagens inszeniert, räumt Le Petit Lieutenant mit dem ideologisch überfrachteten Phantasma einer finalen Rückkehr zur Ordnung auf, das oftmals den impliziten Subtext von Polizeifilmen darstellt.

Weiterhin bricht er mit den Traditionen des Polizeifilms, indem er gängige Prämissen umdreht: so werden fast alle Vergehen, die der Zuschauer zu Gesicht bekommt (von einer Vielzahl von Gesetzesverstößen bis hin zum Drogenkonsum), von Polizeibeamten begangen – wenn auch manchmal auf parodistische Weise. Noch entscheidender ist jedoch, dass Beauvois’ Film sich von jenem ontologischen Pessimismus distanziert, der im Genre weit verbreitet ist: Er widerspricht der Idee einer von Grund auf kriminellen Gesellschaft, indem er Opfer, Tatverdächtige und die Mehrzahl der Angehörigen der Polizei mit gleicher Sympathie und Anteilnahme betrachtet.

Hierin offenbart Le Petit Lieutenant, dass er im Gegensatz zu Yves Boissets Un Condé (1970)(6) oder Alain Corneaus Police Python 357 (1975) nicht versucht, die Funktion der Polizei prinzipiell zu kritisieren. Die Gemeinschaft der Polizeibeamten ist ein Spiegel der im Film präsentierten gesellschaftlichen Gruppierungen: Teilnehmer der Anonymen Alkoholiker, russische und polnische Erntehelfer etc. Indem er zeigt, wie die Routine der polizeilichen Aufgaben anderen gesellschaftlichen Gruppen zugute kommt, stellt der Film die Idee des öffentlichen Dienstes in den Vordergrund. Er erinnert uns an die Existenz einer Gesellschaft hinter all ihren disparaten Gemeinschaften und Untergruppen, und somit an die Möglichkeit eines Sozialstaates.

 


1  Beide Filme sind ebenso wie Le Petit Lieutenant bisher nicht in deutscher Übersetzung erschienen.
2  Der Bulle von Paris, 1985
3  Auf offener Straße, 1992
4  36 tödliche Rivalen, 2004
5  Der kleine Soldat, 1960
6  Ein Bulle sieht rot

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 01 Dezember 2008 )
 
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