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New Italian Epic ein Interview mit Wu Ming 1 PDF Drucken
Freitag, 23 Januar 2009

“New Italian Epic” - ein Interview mit Wu Ming 1

  Traduction: Katharina Schmidt


Wir haben Wu Ming 1 – gemeinsam mit Wu Ming 5 – während einer Vorstellung ihres Buches „Grand River“ (Rizzoli 24/7, Stanger, 2008) im „Circolo dei Lettori“ getroffen. „Grand River“, das letzte Werk des Schriftstellerkollektivs aus Bologna, erzählt eine Reise von drei Mitgliedern des Wu Ming nach Kanada, dem Land, in dem die Nachkommen der Protagonisten aus „Manituana“ (Collana Stile libero, Einaudi 2007) leben, es handelt sich um ein kollektives Reisebuch, das sich jedoch auf ein erzählendes Ich beschränkt und wie ein Roman aufgebaut ist.
Doch eigentlich passt dieses Werk in keine Schublade. Es ist weder ein Sachbuch noch ein Reisebericht und auch kein Roman, sondern das Buch eines Kollektivs mit einem einzigen Erzähler.
Ein Werk also, das sich nicht in Kategorien pressen lässt, oder „ein nicht einzuordnendes, erzählendes Werk“. Eine Nebulosa, New Italian Epic (NIE) eben.
Natürlich haben sich einige Teilnehmer aus dem Publikum während der Buchvorstellung auch spontan auf ein anderes genauso „nicht einzuordnendes, erzählendes Werk“ bezogen, nämlich auf Roberto Savianos „Gomorra“, als würde man dabei von NIE sprechen.
Genauso logisch, dass es in unserem freundlichen Gespräch nach der Präsentation, für das sich Wu Ming 1 und Wu Ming 5 freundlicherweise Zeit nahmen, bei einem Fruchtsaft, einem Eis und einem Martini weiter um das Thema „New Italian Epic“ ging.
Und müssten wir für den Inhalt unseres Gesprächs unbedingt einen Namen finden, so würden wir  es Interview nennen. Hier ist es.

„Ich schicke mal voraus, dass ich den aus der Astrophysik stammenden Begriff „Nebulosa“ äußerst faszinierend finde, den du benutzt, um New Italian Epic zu charakterisieren. Wann hast du bemerkt, dass sich diese Schnittmenge literarischer Werke „materialisierte“?

Die ersten Anzeichen dafür gab es in Gesprächen mit unseren Lesern. In den  zahlreichen Treffen und Diskussionen nach unseren Buchpräsentationen war mindestens immer ein Teilnehmer dabei, der sich auf die Werke anderer Autoren bezog, die wir zum Teil kannten (oder auch nicht), die Berührungspunkte, Ähnlichkeiten mit unseren Werken  aufwiesen, obwohl sie sich vielleicht in Genre, Stil und Themen sehr weit von unseren Büchern unterschieden. Und diese Signale wurden später durch wichtige Argumente unterstützt und unterstrichen.
Als im Frühjahr 2002 unser Buch „54“ erschien, litt die Welt unter den Ereignissen des 11. September. Mit dem Ende des Kalten Krieges und vermeintlichen Sieges der abendländischen Zivilisation waren alle Sicherheiten der westlichen Welt mit den Twin Towers zusammengestürzt. Diesen Rückschlag haben wir in unserem Roman beschrieben. Den Abschluss eines historischen Zyklus, das Ende einer Ära. Beinahe gleichzeitig erschien Valerio Evangelistis „Black Flag“, diesen Autor kannten wir damals nur dem Namen nach. „Black Flag“ erzählt die Geburt des industriellen Kapitalismus. Bei der Lektüre dieses Buches entdeckten wir, dass das erste Kapitel eine unserem Roman sehr verwandte Allegorie enthielt. Hier stellten verschiedene Autoren in zwei Büchern auf sehr unterschiedliche Weise, aber doch mit starken Assonanzen die gleichen  Phänomene dar, die mit dem Untergang eines Systems verbunden waren. Fünf Jahre danach machten wir beim Lesen von Giancarlo De Cataldos „Nelle mani giuste“(In den richtigen Händen)  eine neuerliche Entdeckung. Dieser Roman beschreibt Ereignisse aus den Jahren von Tangentopoli, vom Ende der ersten Republik, über die blutigen Mafiaanschläge bis zu Berlusconis „Auftritt in der Politik“.
Damals war gerade unser Buch „Manituana“ erschienen, in dem wir den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg aus der Perspektive der Mohawk-Indianer darstellen, die auf Seiten der englischen Krone gegen die aufständischen Siedler kämpfen.
Zwei Bücher, die auf den ersten Blick keinerlei Parallelen aufweisen, sich in Stil, Aufbau und Zeit der Handlung genauso unterscheiden, wie in Handlungselementen, Ort und geografischer Lage, also eigentlich nichts gemeinsam haben. Trotzdem fielen uns Gleichklänge, Spiegelungen, Ähnlichkeiten in und zwischen beiden Büchern auf. Eine gemeinsame Wellenlänge. Und nach einer Weile haben wir begriffen, woran das lag.
Beide Romane handeln von Systemen, die in eine Krise geraten, als die Demiurgen, die Welten erschaffen und aufrechterhalten haben , nichts als Leere hinterlassen. In „Manituana“ sind dies Sir William Johnson, britischer Superintendent für alle Indianerstämme Nordamerikas und Hendricks, der Häuptling der Irokesen und Befürworter eines Vergleichs mit den Weißen, in „Nelle mani giuste“ sind es der „Alte“, ein Mann der in den Geheimdiensten die Weichen stellt, sie für seine Zwecke benutzt, und der „Gründer“, ein Industriekapitän und Gründer eines Finanzimperiums.
In beiden Romanen erweisen sich ihre Erben als der Aufgabe nicht gewachsen, sie sind so schwach, dass ihnen die Situation in kurzer Zeit entgleitet und die Reiche zerfallen, die ihre Vorfahren aufgebaut haben. Während die Männer scheitern, wachsen starke Frauengestalten heran – Molly in „Manituana“, Maya in „Nelle mani giuste“ –  denen es gelingt, neue Alternativen, Auswege, zumindest für einige Wenige, zu eröffnen.
In der Zwischenzeit sind die alten Welten an ihrem Ende angelangt und die Geschichte schlägt ein neues Blatt auf.  Auf einer höheren, abstrakten Ebene erzählen beide Romane also die gleiche Geschichte.

„Welcher entscheidende Schritt hat von diesen Ideen  zum   Memorandum über NIE geführt?“

Wir haben unsere Erfahrungen durch die von zahlreichen Kollegen ergänzt, die beim vergleichenden Lesen genauso „plötzliche Eingebungen“ hatten. Auf diese Weise wurde uns klar, dass ein Pool aus Werken mit  Gemeinsamkeiten im Entstehen war, die sich zu einer Masse verdichteten, und um diese Masse herum entstand eine Art Kraftfeld.
Lange Zeit handelte es sich nur um Eindrücke, Ahnungen, doch dann bekamen diese Überlegungen eine feste Struktur, als ich einen Beitrag für einen Workshop über italienische Literatur mit dem Titel „Up close & personal“ erstellen sollte, der im März  2008 an der Mc Gill University in Montreal stattfand. Als Vorbereitung zu diesem Workshop habe ich versucht, eine Art Quintessenz aus dem zu ziehen, was sich im Laufe der Jahre herauskristallisiert hatte und habe deshalb zum ersten Mal in diesem Zusammenhang den Ausdruck „Neuer epischer Erzählstil Italiens“ gebraucht.

„Oder New Italian Epic. Und danach hat sich das Ganze weiterentwickelt.”

Ja, dank dieser ersten Diskussion über das Thema konnte ich diese Ideen präzisieren und weiter ausführen und habe in den folgenden Tagen auch an zwei anderen nordamerikanischen Universitäten über NIE gesprochen: am Middlebury College in Vermont und am M.I.T in Cambridge, Massachusetts.
Zu Hause in Italien habe ich erst lange Diskussionen mit meinen Kollegen aus dem Kollektiv, dann meine Notizen zu dem Thema ausgearbeitet, und daraus sind zwei Fassungen des Memorandums entstanden. Die erste im Frühjahr 2008 und die zweite (2.0), die sich aus der Diskussion der ersten Version entwickelt hatte, im September des gleichen Jahres.

„Warum verwendest du den Begriff „Nebulosa“?

Da es sich bei NIE um ein Kraftfeld handelt, das Werke umfasst, die äußerlich, formal völlig unterschiedlich wirken, Romane, Essays, „Unbekannte Erzählformen“, die jedoch tiefergehende Ähnlichkeiten aufweisen. Ihre Autoren stammen aus verschiedenen Generationen, doch sie bilden eine Art „literarische Generation“, weil sie sich partiell auf die gleiche Poetik gründen. Und vor allem, weil ihre Sehnsucht nach Wahrheit sie in Archive oder auf die Straße treibt, oder zumindest an Orte, an denen Archive und Straße sich irgendwann treffen.

„Du sagst aber auch, dass die Nebulosa NIE Werke und nicht Autoren beinhaltet?“

Ja, weil das Konzept NIE mehr Werke als Autoren betrifft. Es können Autoren darunter sein, von denen mehrere Werke dazu gehören, während dies auf andere überhaupt nicht zutrifft.
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„Meiner bescheidenen Meinung nach liegt einer der Verdienste des Memorandums darin, eine interessante Debatte angeregt zu haben, und dass der Text ein so weites Spektrum bietet, dass sich die vielen Beiträge und Meinungen zu diesem Thema nicht notwendigerweise überschneiden mussten. Siehst du das auch so?“

Absolut.

„In dem Memorandum über NIE stellst du die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Stilrichtung heraus. Stimmst du mir zu, wenn ich behaupte, eine der wichtigsten Eigenschaften dieser Literatur ist die Notwendigkeit, die anthropozentrische Denkweise, die den Menschen in den Mittelpunkt der Welt stellt, aufzugeben?“

Ja, denn letzten Endes sagen uns viele Bücher, die zu NIE gehören, dass wir hier in der westlichen Welt nicht mehr wie gewohnt weiterleben können, indem wir den (materiellen und moralischen) Dreck unter den Teppich kehren und einfach so tun, als wäre nichts geschehen. Wir weigern uns zu sehen, dass der Mensch als Gattung seinem Aussterben entgegengeht. Wir sind nicht unsterblich, aber die Erde ist es auch nicht. Nur dass sie erst untergehen wird, wenn die menschliche Rasse schon eine ganze Weile von diesem Planeten verschwunden sein wird, und inzwischen wird der Planet den ganzen Abfall, die Schäden und  den Dreck verdaut und beseitigt haben, die die menschliche Rasse während ihres Daseins produziert hat. Und wenn wir uns das erst vor Augen führen und akzeptieren, dass es so kommen wird, werden wir auch nicht mehr so überheblich sein. Die Überheblichkeit und die beschränkte Sichtweise der menschlichen Gattung ist unerträglich geworden. Wir können doch nicht einfach hinnehmen, dass unsere Spezies alles dazu beiträgt, unser Aussterben so schmerzhaft und würdelos wie möglich voranzutreiben? Der Anthropozentriusmus ist nicht totzukriegen: Trotz allem leben wir weiterhin in der festen Überzeugung, die auserwählte Gattung zu sein.
Das macht die Botschaft, die man aus den Werken des NIE ziehen kann, gerade so wichtig, diesen etwas anderen Blick. Wenn wir tatsächlich Schwierigkeiten haben sollten, uns selbst nicht als Zentrum dieser Welt zu sehen, weil wir Menschen sind, können uns doch die Sprache, die Literatur helfen, uns bestimmte Dinge vorzustellen.

„Das schreibst du ja auch am Schluss des Memorandums. Ich zitiere: „Heute können es sich Kunst und Literatur nicht mehr leisten, nur zu spät auf Gefahren hinzuweisen: Sie müssen dabei helfen, vorstellbare Auswege zu suchen.“

Genau gesagt können wir uns heute den Luxus nicht mehr leisten, so zu tun, als lebten wir in Frieden oder dass der Krieg weit von uns entfernt stattfindet. Die Literatur darf nie glauben, das Frieden herrscht. Bei den Überlegungen im Memorandum über die Absurdität der anthropozentrischen Denkweise habe ich mich von Alan Weismans „Die Welt ohne uns“ inspirieren lassen. Ein Buch, das Passagen von einer geradezu bewegenden Poesie enthält und das man unbedingt mit einbeziehen muss, wenn man verstehen will, wie wenig Respekt die Menschheit der Geschichte und den Möglichkeiten dieses Planeten entgegenbringt.

„Dabei fällt mir ein Beitrag von Simone Sarasso zum Thema NIE ein, wo er schreibt, ich zitiere wieder: „Die Mehrheit der NIE zugeordneten Werke zeichnet sich durch eine brutale, quälend apokalyptische Spannung aus.“


Das stimmt in dem Sinne, dass alle Werke des NIE sich mit mehr oder weniger traumatischen Endzeitvorstellungen beschäftigen, dem Ende einer Ära, einer Welt, eines Machtsystems oder im engeren Sinn mit dem Ende des Universums der Protagonisten.

„Und bis jetzt hat sich noch niemand daran gewagt zu erzählen, was danach kommen könnte, also die Post-Apokalypse.“

Bis jetzt haben wir uns alle an einer Gründungsmythologie orientiert oder haben uns zu ihr gebeugt, uns ihr gebeugt, doch jetzt müssen wir einen Sprung wagen, sie überwinden. Wir haben Versuche gezeigt, Kulturen aufzubauen, die in Tragödien geendet haben (z.B. die Wiedertäufer in Münster im Roman „Q“) oder Völkerwanderungen, außer denen, die neue Kulturen begründeten. Im Allgemeinen gibt es in NIE zahlreiche Beispiele für Ilias und Odyssee, aber kaum eines für eine Äneis, wie Valter Binaghi es ausdrücken würde. Genau  das ist es, wir müssen mit Begriffen und Perspektiven aus der Äneis arbeiten. Äneas ist ein Flüchtling, doch auf seiner Flucht begründet er etwas Neues.

„Um bei Begriffen zu blieben, die eng mit der Astrophysik verbunden sind, könnten wir sagen, dass wir in der Geschichte der NIE an einem Punkt angekommen sind, von dem es unser Erfahrungshorizont uns erlaubt, die Vergangenheit dieser „Nebulosa“ sehen zu können, die aus den bisher geschriebenen Werken besteht, in denen es immer um eine Apokalypse und das Ende von Welten  ging, aber uns nur vorstellen zu können, wie zukünftige Werke aussehen, in denen es um die Gründung von neuen Universen aus den Keimen der vorangegangen Weltuntergänge gehen könnte.

Wie es schon bei Benjamin heißt, der Engel der Geschichte hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewandt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. NIE hat eine epische Vergangenheit vor Augen und eine epische Zukunft hinter sich, die wir nur darstellen können, indem wir zurückschauen.

 


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Letzte Aktualisierung ( Freitag, 23 Januar 2009 )
 
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