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Roberto Saviano - Geschichten erzhlen und Widerstand leiste PDF Drucken
Mittwoch, 04 Mrz 2009

 Roberto Saviano

Geschichten erzählen und Widerstand leisten

Übersetzung: Dieter Hartmann

 

 ImageIm April 2006 erschien in der Reihe „Strade blu“ bei Mondadori „Gomorra -Viaggio nell’impero economico e nel sogno di dominio della camorra“.  (1)Der Autor ist ein junger Journalist und Schriftsteller aus Neapel: Roberto Saviano. Nach dem Studienabschluss in Philosophie an der Universität Federico II seiner Heimatstadt ist dies sein erstes Buch. Es ist weder ein klassischer Roman über die Missstände und die Mysterien Neapels, wie so viele andere zuvor (die einschlägige Biographie ist enorm, doch ich möchte hier nur an den Film „Mani sulla città“  (2)von Francesco Rosi erinnern), noch eine Reportage à la Fallaci oder ein Essay. Der Text entsteht im innersten Zirkel der Stadt, aus ihrem Herz, ihrem Blut – wie bei Jünger, Nizan, Cendras, Celine – sowie aus dem zivilen Engagement und dem Wunsch nach Freiheit eines jungen Mannes, der Zeit seines jungen Lebens den unaufhaltsamen Niedergang dieser seiner wunderschönen Stadt mit hat ansehen müssen. Das Buch hatte sofort großen Erfolg – und mit dem Erfolg kamen die ständig gewalttätigeren Drohungen der Camorra, sodass Saviano seit dem 13. Oktober vergangenen Jahres zu einem jener Menschen geworden ist, die unter Polizeischutz leben. So wie dies bereits zahlreiche andere mutige Italiener vor ihm erlebt haben, die es gewagt hatten, der Realität eines Landes ins Angesicht zu blicken, das seit Jahrhunderten gravierende Missstände mit sich herumträgt und kriminelle Vereinigungen hervorbringt, die – ob zu Recht oder Unrecht – als unbesiegbar gelten. Viele jener Menschen wurden, gemeinsam mit ihren allzu oft in Vergessenheit geratenen Begleitschützern, von Explosionen zerrissen. Savianos führt das Leben  eines Verbannten im eigenen Land. Seit zwei Jahren bewegt er sich  nur unter strengster Geheimhaltung, begleitet von einer Eskorte aus fünf Carabinieri in einem gepanzerten Fahrzeug. Er schreibt Artikel für die Zeitungen La Repubblica und L’Espresso (die zu den bedeutendsten in Italien zählen), jedoch keine Bücher mehr: Saviano betont, dass er sich nicht mehr konzentrieren könne. All das, was mit gutem Recht zum Leben junger Menschen seines Alters gehört, kann er sich nicht erlauben: eine Partnerin,  Liebe, und noch viel mehr: eine Familie. Nach dem Erfolg des auf seinem Buch basierenden Films „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ von Matteo Garrone in Cannes 2008 kam postwendend das Todesurteil von der Camorra, die sich beschmutzt und verleumdet fühlt. Natürlich wurden schon viele Schriftsteller zum Tode verurteilt, zum KZ oder zum Gulag, weil der König ihretwegen nackt dagestanden hatte; doch hier, in Italien, einem Land, das zur Europäischen Union und zum Westen gehört, wird das Todesurteil von einer kriminellen Vereinigung dekretiert, die faktisch die Region regiert – die campania felix der Römer – und von dort aus ihre Macht auf ganz Italien und darüber hinaus beständig ausweitet. Doch da, wo die Camorra gemäß ihren ehernen Regeln „unendliche Geduld hat und zu warten versteht, auf das Happy-End, das heißt: die Leiche Savianos“  (3), gibt es andererseits auch andere, subtilere und bedrohlichere Methoden, die ebenso darauf zielen, Saviano zu isolieren und ihn somit zu „töten“. So wurde geschrieben –  wie es beispielsweise auch mit Solschenyzins Archipel Gulag geschah –  dass Gomorra „ein am grünen Tisch konstruiertes Buch ohne jeden literarischen Wert“ sei, „das nichts Neues über das Phänomen Camorra enthüllt und die Wirklichkeit um Nichts verändert hat“. Und wenn „Gomorra“ kein innovatives Buch ist, dann bleibt nur die mediale Figur, der fanatische Moralist, oder eine Art süditalienischer Don Quichotte, besessen von seinen Ruhm- und Allmachtsfantasien, dem ein Sancho Panza fehlt, der ihm den Weg der Weisheit weisen könnte. Tatsächlich konnte nur ein Monomane Balzac’scher Prägung seine Jugend dieser Aufgabe widmen, in so detaillierter Art und Weise über „o Sistema“ zu erzählen, „da man das Wort Camorra nicht mehr benutzt“. Meine europäischen Leser könnten mich fragen, was „das System“ denn ist, und wie es möglich war, dass es so mächtig geworden ist. Eine Antwort kann nur mittels einer Analyse der Hagiographie-Geschichte Italiens gegeben werden. Die Camorra hat historisch weit zurück liegende  (4), vermutlich spanische Ursprünge, (Neapel war die Hauptstadt des Königreich beider Sizilien, deren Herrscherdynastie, die Bourbonen, aus Spanien kam), doch waren es die Mitkämpfer Garibaldis, die nach der Einnahme Neapels im Oktober 1860 durch Giuseppe Garibaldi der Camorra eine klare Funktion zuwiesen: Die Guappi, Mitglieder der Camorra, wurden in Sold genommen (nichts Neues unter der Sonne …), um die öffentliche Ordnung in einer Stadt aufrecht zu erhalten, die ihren König und ihre Verwaltung verloren hatte. Die Guappi waren junge Männer, die sich bestens darauf verstanden, Schlägereien unter Einsatz eigener Messer zu stoppen, und bald eroberten sie sich in bestimmten ärmeren Stadtvierteln eine eigene Machtstellung. Nicht so stark wie die Mafia, hielt sich die Camorra in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung Italiens über Wasser und wurde von Mussolini (ebenso wie die Mafia, deren Anführer sich massenhaft in die Vereinigten Staaten absetzten) fast völlig zerschlagen. Nach der Landung der Alliierten (und der von Lucky Luciano) erstarkte die Camorra wieder und widmete sich fortan dem Schmuggel und Handel mit Zigaretten (in deren Jargon „Blonde“ genannt) sowie der Prostitution (die berühmten „segnorine“, „Fräulein“ )(5). Ab diesem Moment schlug die Camorra den gleichen Weg ein wie die Mafia: Sie verband sich mit der Politik, besonders mit der christdemokratischen Partei, in einer antikommunistischen Mission. Denn Italien hatte nach der Überwindung des Faschismus die stärkste kommunistische Partei Europas, und jedes Mittel, einschließlich mehr oder weniger verdeckter Verbindungen zu Leuten der Camorra oder der Mafia, war den demokratischen Parteien und selbst der katholischen Kirche willkommen, solange es nur half, den Zugang der – atheistischen und mit Moskau verbundenen – kommunistischen Partei zur politischen Macht zu verhindern. Klar ist, dass gegenüber der öffentlichen Meinung der Eindruck vermieden werden musste, dass die Camorra oder die Mafia zu stark würden. Daher verhaftete die Regierung gelegentlich einige der Bosse mit einem gewissen Einfluss, wie Raffaele Cutolo, worauf die Camorra regelmäßig mit der Ermordung eines zweitrangigen Politikers oder Richters antwortete. So hat Italien über Jahrzehnte hinweg weiter gemacht, bis zu dem Zeitpunkt, als ein überraschendes historisches Ereignis Alles und Alle erschütterte. Dieses epochale Ereignis ist der Fall der Berliner Mauer. Es stirbt der Kommunismus und mit ihm die Democrazia Cristiana. 1993 zerstört Tangentopoli  (6) die herrschende Klasse, die seit 1945 das Land regiert hatte. Das ist der von der post-kommunistischen Linken so lange ersehnte Moment. Doch bei den Wahlen 1994 gewinnt der Medien-Mogul Silvio Berlusconi, ein Mann, in dem sich ein ganzes Land wieder erkennt und in den es sich verliebt. Und nicht nur das: In Washington treibt der neue demokratische Präsident Clinton die Globalisierung voran, das heißt, die westliche Eroberung der Welt durch das Business. Die Camorra mit ihrer im Vergleich zur Mafia flexibleren Struktur vollzieht einen qualitativen Sprung. Aus einer kriminellen Vereinigung wird eine Holding, eine Multinationale des Verbrechens. Der Hafen von Neapel ist die Tür zum Osten, dem, was früher einmal der „Ferne Osten“ genannt wurde, das mythenhafte China Marco Polos, und was heute der sehr nahe Osten geworden ist, der „kleinste Osten“. All das, was in China produziert wird, wird hier abgekippt. Dann werden all die häufig Krebs erregenden Waren in ganz Italien, in Europa, weltweit verkauft. Und in entgegen gesetzter Richtung landen die Abfälle aus den Kernkraftwerken Europas, die giftigen Schlämme und Altöle, ja selbst menschliche Skelette in der Region Kampanien, wo man sie auf den kampanischen Feldern abkippt und sie Äcker und Grundwasser verseuchen. Eine wunderschöne Region ist zum Land der tausend Hässlichkeiten verkommen, dessen Bevölkerung verzweifelt ist und zugleich Komplize, wo nicht an den Verbrechen direkt beteiligt - denn die Camorra bietet Arbeit in einem Land mit extrem hoher Arbeitslosigkeit, dessen Jugend auf der Straße groß wird. Viele sterben sehr jung, stolz darauf, so zu enden wie die großen Bosse. Wenn man Saviano liest, versteht man, wie der Kapitalismus sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, den Jahren des extremen Liberalismus Reagan’scher Prägung, in der der Mensch auf einen Konsumenten reduziert und die Mülldeponie zum Symbol einer Gesellschaft wird, die nicht an die Zukunft denkt, sondern auf obsessive Weise auf das hic et nunc fixiert, entfremdet im Augenblick lebt. Die Camorra erledigt die Drecksarbeit, doch Auftraggeber wie Komplizen sitzen häufig in den Tempeln der Hochfinanz, in den Palästen der Macht, unter den ehrenwerten Herren, die wir wählen, damit sie uns vor der Camorra erretten. Saviano kommt der große Verdienst zu, „o Sistema“ entblößt zu haben; doch im Westen „trägt alles den Geruch einer Entscheidungsschlacht. Es scheint unmöglich, einen Moment der Ruhe zu finden, nicht permanent inmitten eines Krieges zu leben, in der jede Geste zum Zeichen der Schwäche werden kann, … wo du dir alles erobern musst, das Fleisch von den Knochen kratzen… Sich gegen die Clans zu stellen, gerät zum Überlebenskrieg. Und Dinge zu erkennen trägt nicht mehr die Spuren eines moralischen Engagements. Wissen, verstehen wird zur Notwendigkeit. Der einzig möglichen, um weiterhin sich selbst als Menschen zu betrachten, würdig, die Luft zu atmen“.


 

1- Die dt. Übersetzung erschien 2007 unter dem Titel Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra im Hanser Verlag.  Alle folgenden Textstellen in Anführungszeichen sind Passagen aus dem Buch Gomorra.
 
2- Der Film kam 1965 unter dem Titel „Hände über der Stadt“ in die Kinos.
 
3- Aus: „Il mio amico Roberto“ („Mein Freund Roberto“) von Alessandro Piperno in Il Corriere della sera . 24. 12. 2008.
 
4- Die Bibliographie hierzu ist sehr umfangreich. Wir verweisen hier auf Storia della Camorra von Vittorio Paliotti im Verlag Newton Compton Editori.
 
5- Erinnert sei hier an den Roman La Pelle von Curzio Malaparte und Napoli milionaria von Edoardo de Filippo.
 
6- Tangentopoli steht als Synonym für eine Welle landesweiter Justizermittlungen zu Beginn der 90er Jahre, in deren Verlauf die Justiz eine ganze Klasse politischer Führer verhaftete und wegen Korruption und Amtsmissbrauch durch Annahme von Bestechungsgeldern anklagte.

   

Letzte Aktualisierung ( Samstag, 30 Januar 2010 )
 
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