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Dienstag, 07 April 2009

Jakob Arjouni: Der heilige Eddy

Zürich (Diogenes) 2009, 246 Seiten, € 18,90


Die Geschichte ist hanebüchen. Aber ihre 246 Seiten lesen sich in einer gefühlten halben Stunde weg.


Jakob AjourniMit »Der heilige Eddy« wendet sich Jakob Arjouni nach Ausflügen in die kleinbürgerliche Doppelmoral (»Hausaufgaben«) und in die Science Fiction (»Chez Max«) wieder dem Genre zu, mit dem er berühmt geworden ist, dem Krimi. Aber nicht Kemal Kayankaya, der  hartgesottene Detektiv aus den ersten Romanen taucht hier auf; Arjouni wechselt die Seite und erzählt aus der Perspektive von Eddy, einem Kleinkriminellen und Trickbetrüger, den wir zunächst dabei beobachten, wie er einen schwäbischen Hauptstadttouristen nach allen Regeln der Kunst nasführt um ihm Mantel und Kreditkarte abzunehmen, mit letzterer bei Karstadt einzukaufen bis sie gesperrt wird und die Beute schließlich bei seinem Hehler abzuliefern.


Trickbetrüger? Gibts die noch? Genauso wenig wie man heute noch Eddy heißt. Es ist ein Ganovenstück, das Arjouni hier inszeniert, eine Reminiszenz an den Milieukrimi der Dreißiger- oder Vierzigerjahre. Dass diese Art, Kleinkriminalität als Kleinkunst zu betreiben,  altmodisch ist, muss Eddy erkennen, als er Robert, der Mitte zwanzig ist und aus dem Wedding kommt, einen komplizierten, aber eleganten Trick beizubringen versucht, bei dem am Ende alle zufrieden nach Hause gehen. Einschließlich des Betrogenen. Robert hält davon nicht viel: »Warum geh ich nich einfach mit'm Messer und sag: Kohle her?«


Aber »Der heilige Eddy« ist natürlich mehr als ein historisierendes Stück Prosa. Wir befinden uns im Berlin der Gegenwart, das heißt des globalen Kapitalismus, der Heuschrecken und der Wirtschaftskrise. Eddy schlägt sich mit seinen verkniffelten Betrügereien und, zusammen mit seinem russischen Freund Arkadi, als Straßenmusiker mehr schlecht als recht durchs Leben, wohnt in einem Kreuzberger Hinterhaus und passt sich dort in einer Art Mimikry den Alternativspießern mit ihrer Kleinbürgermentalität an. Bis er eines Tages zufällig auf Horst König trifft, den meistgehassten Mann der Stadt, der als kleiner Neuköllner Steppke in den USA zu millionenfachem Reichtum kam und nun zurück in Berlin eine Pleite hinlegt, die die ganze Stadt mit in den Abgrund zu reißen droht.


Diese Konstellation erlaubt Arjouni nicht nur den Mythos Kreuzberg zu dekonstruieren und die Banalität auch dieses Stadtteils und seiner Bewohner zu zeigen, sondern auch jenen Typus, der zwar zu Geld und Ansehen gekommen ist, aber mental immer im Neuköllner Hinterhof geblieben ist und sich auf alle politischen Machenschaften einlässt. Dumm für Eddy, dass König noch gerissener ist als er – hätte er sonst Erfolg gehabt? – und auf seine Verstellungskünste nicht hereinfällt und dumm für König, dass er die Kontrolle verliert und sich den Kopf an einer gusseisernen Harpune zerschlägt.


Eddy muss all seine Trickkünste einsetzen um die Leiche aus dem Haus zu schaffen, vorbei an den Nachbarn und Königs Leibwächtern. Ein Glück, dass Angelina Jolie gerade in Berlin ist und jeder Sofalieferant der Stadt gern einen Blick auf sie erhaschen möchte ...


Wie soll man den Roman nennen? Eine sozialkritische Burleske? Ein zeitgenössisches Ganovenstück? Oder, da sich Eddy in Königs schöne Tochter verliebt, die er zur Waisen gemacht hat, eine kleinkriminelle Romanze?


Wie auch immer: Arjounis Neuer ist lustig, anrührend, romantisch, hinterhältig, keck, auch poetisch, manchmal naiv und all zu schnell vorbei.

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 01 Februar 2010 )
 
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