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Die dritte Hlfte PDF Drucken
Freitag, 24 April 2009

La Terza Metà (Die dritte Hälfte)


Verlag Marsilio Editore, 2008

Übersetzung: Dieter Hartmann

La terza metà ist einer jener Romane, die man allein schon dafür lesen sollte, wie sie geschrieben sind. Ausgezeichnet.

Hauptmerkmale des Buchs sind denn auch die bestechende Qualität der Erzählung und vor allem seine Sprache. Die Figuren sind sorgsam entwickelt mit einer Menschlichkeit voller Schmerz und Tragik in Denken und Handeln. Der Autor beweist ein erstaunliches Talent, diese verstörten, mitleidslosen Figuren mit einer solchen Sicherheit zu zeichnen, dass sie aus den Seiten des Buchs herauszudrängen scheinen.

 

ImageGuglielmo Pispisa, Autor und Mitglied des Autorenkollektivs KAI ZEN, beherrscht meisterhaft Sprache und Syntax. Mittels eines wundersamen Wechselns zwischen erster und dritter Person gelingt es ihm, von der Tragödie einer ganzen Familie und dem Scheitern des Traums zweier Generationen zu erzählen und dies mit der Geschichte der vergangenen vierzig Jahre unserer geschundenen Republik zu verknüpfen (die bleiernen Jahre des Terrorismus in den Siebzigern, der G8-Gipfel in Genua, der jüngste, gescheiterte Versuch einer Wiederbelebung des Terrorismus, die möglichen Unterwanderungs- und Manipulationsaktivitäten der Geheimdienste in jüngster Vergangenheit wie in den Jahren davor). Es ist die narrative Einbettung einer individuellen Geschichte in den historisch größeren Kontext unseres Landes zwischen altem und neuem politischen Terrorismus.
Die Protagonisten sind Hieronimus (oder kürzer: Hiero, der dem Leser bei seiner vorgetäuschten Beerdigung zum ersten Mal begegnet) und der Magister, ein geistig verwirrter Clochard, stets von vier imaginären, wundersamen Personen umgeben, die seinen Erinnerungen lauschen (schon für diese meisterliche Zeichnung einer geistigen Verwirrtheit in Würde ist das Buch sein Geld wert). Die beiden Protagonisten jagen einander nach, kommen sich im Verlauf der Geschichte einige Male sehr nah, ohne jedoch je aufeinander zu treffen. Beide sind von den Geheimdiensten in die Terrorszene (des alten und des jüngeren Terrorismus) der extremen Linken eingeschleuste V-Männer, deren Einstieg und Zugang zur Szene komplett verschieden, deren Führungsoffizier jedoch derselbe ist: Aristoteles, ein großes Tier im Geheimdienst, unangenehm, belehrend, gefährlich, mit anderen Worten: ein echter Scheißkerl.
La terza metà könnte man als einen Politfantasy-Krimi bezeichnen. Er lotet auf realistische Weise aus, was in den bleiernen Jahren tatsächlich hätte passiert sein können, was die Rolle der Geheimdienste gewesen sein könnte, was mit den kleinen Fischen geschehen ist, denen, die nicht auf die Titelseiten der Zeitungen kamen, die nicht getötet haben, doch jedenfalls so stark verwickelt waren, dass dies ihr Leben komplett durcheinander gebracht hat.
Tatsächlich ist der Roman weit mehr. La terza metà ist die Geschichte einer Tragödie. Sie erzählt von den Geschehnissen um eine vom unbarmherzigen Räderwerk des Staates zerstörte Familie und von den gescheiterten Träumen zweier Generationen, die daran geglaubt hatten, ein Macht-System mitten ins Herz treffen und dadurch umwälzen zu können. Doch treffen konnten sie dieses System aus zwei Gründen nicht: Erstens, weil das System ein Herz nie besaß und zweitens, weil, während sie noch an ihren Plänen schmiedeten, das System bereits dabei war, sie zu (unwissentlichen) Instrumenten für seine eigenen Pläne umzufunktionieren.


* Guglielmo Pispisa ist 1971 in Messina geboren. Er veröffentlichte bereits den Roman Città perfetta (Verlag Einaudi Stile Libero, 2005) und Multiplo ( Verlag Bacchilega Editore, 2004). Er ist Mitglied des Autorenkollektivs Kai Zen, mit dem er den Roman La strategia dell’ariete (Mondadori, 2007) geschrieben hat.

** JPRossano, Jahrgang 1968, ist das Pseudonym eines ehemaligen Turiner Fechters, dessen wahre Identität zwar bekannt, aber irrelevant ist. Von jeher fühlte er sich von der dunklen Seite der Erzählliteratur angezogen. Seinen ersten Roman L’ultima stoccata (Il Molo) veröffentlichte er 2006 und im Jahr darauf die Erzählung „Per sempre“ in der Anthologie Tutto il nero d’Italia (hrsg. bei Noubs).

2008 veröffentlichte er bei Europolar eine Rezension des Romans Confine di Stato von Simone Sarasso und 2009 ein Interview mit Wu Ming zur „New Italian Epic“.

Einige seiner kürzeren Erzählungen und Artikel finden sich auf dem Blog www.jprossano.com

 

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 19 Januar 2010 )
 
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