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Interview mit Michel Gueorguieff PDF Drucken
Donnerstag, 04 Juni 2009

Interview mit Michel Gueorguieff


Vom 22. bis 28. Juni findet in Frontignan zum zwölften Mal das Festival International du Roman Noir [FIRN, Internationales Festival des Kriminalromans] statt. Im Universum des Kriminalromans ist das FIRN im Lauf der Jahre ein Muss geworden. Ob aus Liebhaberei oder von Berufs wegen, man findet sich immer wieder gern dort ein, um die Diskussionen und Begegnungen mit den Schriftstellern zu genießen. Hier können Krimifans mit Stars wie Elmore Leonard, Dennis Lehane oder John Harvey diskutieren, daneben aber auch weniger bekannte, doch nicht minder begabte Autoren entdecken. Michel Gueorguieff, der Gründer des Festivals, stellt uns das diesjährige Thema und die wichtigsten Gäste vor.

ImageFrage: Wie jedes Jahr rankt sich das Festival auch diesmal wieder um ein Thema, nämlich „Grenzen“. Warum gerade dieses Thema?

Angesichts der gegenwärtigen Probleme unserer Gesellschaft scheinen mir Grenzen ein zentrales Thema zu sein, das konsequenterweise vom Noir unserer Zeit favorisiert wird. Es geht nicht allein darum, das Thema Grenzen geographisch zu betrachten, was uns die Auseinandersetzung mit Fragen wie Exil, Immigration und Fremdheit ermöglicht. Es geht um alle Grenzen: gesellschaftliche, kulturelle, ethische, gesetzliche und, warum auch nicht, literarische. Wer sich mit den fragilen Grenzen zwischen Ordnung und Unordnung, Gesetz und Gesetzwidrigkeit, Vernunft und Wahn, Gut und Böse befasst, beackert tatsächlich das gesamte Feld des Noir.

Frage: Jedes Jahr bietet sich die Gelegenheit, neue Themen zu entwickeln und neue Veranstaltungen zu entdecken. Was gibt’s Neues in diesem Jahr?

Nicht viel, was unsere allgemeine Philosophie angeht, die ja darauf abzielt, Autoren mit unterschiedlichen Blickwinkeln um ein zentrales Thema zu versammeln, Begegnungen zwischen berühmten und verkannten Autoren zu schaffen. Dafür arbeiten wir weiterhin daran, das Festival für ein noch größeres Publikum zu öffnen. Der zentrale Veranstaltungsort ist nach wie vor Frontignan, aber es finden auch zahlreiche Events in Sète, Balaruc und weiteren Städten rund um die Lagune von Thau sowie in Montpellier statt. Außerdem starten wir in diesem Jahr eine Aktion mit den Insassen der Haftanstalt von Villeneuve-lès-Maguelone, an die wir Romane der eingeladenen Autoren  verteilt haben und die die Auszeichnung „Hinter Gittern“ an je einen Roman- und einen Comicautor vergeben werden, mit denen dann am 25. Juni ein Treffen stattfindet.

affiche par EdFrage: Und jedes Jahr kann sich das Publikum darauf freuen, zahlreiche Schriftsteller aus allen Teilen der Welt kennen zu lernen, die in Frankreich zum Teil nur wenig bekannt sind. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Die beiden Hauptkriterien sind die Qualität ihrer Bücher und ob sie zum Thema des Festivals passen. Es gibt aber auch jedes Jahr gute Gelegenheiten und Lieblingsautoren. Die Einladung von Tim Willocks war solch eine gute Gelegenheit, hinter ihm bin schon seit fünf Jahren her. Und Anne Secret ist eine meiner Lieblingsautorinnen; bis vor ein paar Monten kannte ich sie noch gar nicht, und ihr letztes Buch hat mich begeistert. Im Allgemeinen achten wir auch darauf, dass bei den Diskussionen ein inhaltlicher Zusammenhang gegeben ist.

Frage: In diesem Jahr haben Sie unter anderem den Schriftsteller Tim Willocks eingeladen. Warum ihn?

Willocks ist ein einzigartiger Autor, seine Bücher sind von außerordentlicher Tiefe, Virtuosität und Düsternis. Ich habe ihn vor einigen Jahren entdeckt, als ich „Bad City Blues“ und „Les Rois Ecarlates“ las. Und habe seitdem immer wieder versucht, ihn herzuholen. Keine Chance, irgendwie an ihn heranzukommen. In diesem Jahr kam dann „La Religion“ heraus, ein opulentes, barockes, äußerst brillantes Buch, und es ist uns endlich gelungen, mit ihm in Kontakt zu kommen. Er hat unsere Einladung begeistert angenommen, was uns sehr freut. Willocks ist ein gebildeter, verrückter und feinsinniger Autor. Die wenigen, die ihn in Frankreich bereits gelesen haben, sind in der Regel inzwischen bedingungslose Fans. Kurzum: ein echter Kultautor. (vgl. den Artikel zu Tim Willocks auf dieser Website )

Frage: Unter den Eingeladenen aus Europa ist José Ovejero, ein spanischer Autor, dessen Buch in französischer Übersetzung unter dem Titel „Des vies parallèles“ [Parallele Leben] beim Verlag Moisson Rouge erschienen ist. Die Handlung des Romans spielt in Brüssel. Sie machen sich für diesen Roman stark ...

Natürlich mache ich mich stark für „Des vies parallèles“ von José Ovejero, der in Brüssel lebt. Sein Roman ist sehr schwarz, überwältigend, und gehört für mein Empfinden unbedingt zum Thema Grenzen.

Frage: Ebenfalls eingeladen ist der Engländer Tom Rob Smith, dessen „Kind 44“ im Februar bei Belfond als Thriller erschienen ist. Ist dieses Genre Ihrer Meinung nach eine unumgängliche Facette des Kriminalromans?

Der Thriller macht einen sehr großen Teil der Kriminalliteratur aus, vor allem beim breiten Publikum. Wie bei allen Modeerscheinungen gibt es auch hier natürlich Gutes und weniger Gutes. Aber „Kind 44“, der erste Roman von Tom Rob Smith, gehört zum Guten. Das Bestechende an diesem Buch ist die Beschreibung der schrecklichen Maschinerie, die das Sowjetsystem war. „Kind 44“ ist nicht nur ein Thriller, sondern ein Roman über den Widerstand des Menschen im Angesicht des Totalitarismus.

Frage: Das FIRN hat eine Vorliebe für amerikanische Schriftsteller. In diesem Jahr haben Sie Don Winslow und Thomas H. Cook eingeladen. Wie lassen sie sich im diesjährigen Schwerpunkthema verorten?

Zunächst einmal sind Thomas Cook und Don Winslow in meinen Augen zwei wichtige Autoren. In ihrem gesamten Werk stellen sie mit viel Talent gerade Gut und Böse, Vernunft und Wahn gegenüber. In Frankreich nimmt man kaum Notiz von ihnen. Von Winslow meines Wissens gar nicht. Dass sie unsere Einladung angenommen haben, gereicht dem Festival natürlich zur Ehre.

Frage: Ich weiß, dass Sie das Programm mit äußerster Sorgfalt gestalten und keine Einladung aufs Geratewohl aussprechen, sondern nur, wenn ein Autor Ihnen sehr am Herzen liegt. Ich frage Sie also nicht, welchen Autor Sie uns besonders empfehlen können, sondern bitte Sie um ein paar Worte über die iranische Autorin Nairi Nahapetian.

Der erste Roman von Nairi Nahapetian, „Qui a tué l’Ayatollah Kanuni?“ [Wer hat Ajatollah Kanuni getötet?] ist der erste iranische Kriminalroman überhaupt. Er besitzt nicht nur für uns französische und deutsche Leser einen exotischen Charme, er beschreibt zudem eine Gesellschaft, deren Werte uns möglicherweise überraschen oder empören. Diese junge Iranerin hat ihr Land nach der Islamischen Revolution verlassen und lebt heute als Journalistin in Frankreich. Wenn es jemanden geeignet ist, über kulturelle Grenzen zu sprechen, dann sie.


Vollständiges Programm: http://www.polar-frontignan.org
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 30 Juni 2009 )
 
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