Christine Lehmann - Das Buch als Waffe
Écrit par Elfriede Müller   
29-04-2011

Christine Lehmann: Malefizkrott.

Adriane Kriminalroman 1185. Hamburg 2011. 318 Seiten. 11 Euro

ImageMalefizkrott ist der erste von inzwischen neun Lisa Nerz Romanen, den ich gelesen habe und dabei  bin ich auf eine Hommage an das Buch an sich gestoßen. Die als provokant gelobte queere Serienheldin ist eine ordentliche schwäbische Handwerkerin, die, weil sie alles genau wissen will, sich nicht davon abhalten lässt, hinter die Kulissen zu schauen, auch und gerade wenn es sich beim Buchmarkt nicht gerade um ihr Fachgebiet handelt. Dadurch wird Malefizkrott zu einem Bildungsroman über den Verkauf, das Schreiben und die Herstellung von Büchern, über die Veränderung einer Branche, in der nur die überleben können, die auch bereit sind Esoterik und Socken zu verkaufen.

Der Plot handelt von einer Jungautorin, die über Sexfantasien schreibt, die sie selbst kaum erlebt haben kann. Nicht nur deshalb wird sie des Plagiats bezichtigt und erhält Drohmails. Als Buchhandlungen anfangen zu brennen, in denen die Schriftstellerin Lesungen hält, beginnt Lisa Nerz in der Vergangenheit der Familie der Autorin und der diversen Buchhandlungen zu forschen. Dabei stößt sie auf den Mord an Benno Ohnesorg, den SDS, die Gründung der RAF und die Geschichte des linken Buchhandels der siebziger und achtziger Jahre.

Seit Stuttgart 21 wird das Schwabenland wieder mit Widerstand und Ungehorsam in Verbindung gebracht. Anscheinend sind nicht alle aufrechten Einwohner/innen nach Freiburg oder Berlin abgewandert. In Lehmanns neuestem Krimi wird deutlich, dass es in Stuttgart eine linke Tradition gibt, die, wie kann es auch anders sein, mit Buchläden als Orten des Zusammenfindens zu tun hat. Nun sind diese Orte aber bedroht, wie der Laden von Durs Ursprung, einem Fossil, bei dem sich schon Marcuse, Habermas und Böll eingefunden hatten. Dort taucht ein Buch auf, dessen unscheinbarer Buchdeckel nicht nur ein Einschussloch aufweist, sondern das auch die Gründungserklärung der RAF enthält. Mit ihrem Spürsinn krieg Lisa Nerz heraus, dass dieses Buch der Schlüssel zur Auflösung  zweier Morde und der Anschläge auf diverse Buchhandlungen ist.

Das Ganze wird von einer rührenden Sorge um die aussterbenden Leser getragen, um die Erhaltung guter Buchhandlungen, die von schlechten Ketten und dem allgemeinen Verwertungsdruck verdrängt werden: „Und deshalb muss eine Buchhandlung die Bücher im Regal stehen haben, die man entdecken kann, nach denen man aber nie verlangen würde. Das ist der Unterschied zwischen Wirtschaft und Kultur. Eigentlich müsste man Buchhandlungen subventionieren."

Der Krimi handelt aber nicht nur von Büchern, sondern auch von politischen Ideen und Menschen, die diese umsetzen. Neben der Geschichte der Studentenbewegung geht es auch um den aktuellen Prozess des Mörders an Benno Ohnesorg, um eine Kritik an linken Zusammenhängen, linken Frauen- und Männerbildern und an der Bildungsbürgerbewegung gegen Stuttgart 21: „Keiner übergewichtig, alle gesund ernährt und mit dem Gesicht des anthroposophischen Stuttgart in den Augen und Nasenfalten.  Es gab auch blutjunge, blonde Schönheiten, gut erzogene Studenten, (...) kaum einen in schwarzen Klamotten mit Anarchozeichen auf der Hose." All das wird so witzig, erotisch und spannend erzählt, dass ich unbedingt weitere Abenteuer von Lisa Herz lesen möchte.

Dernière mise à jour : ( 09-05-2011 )